Innenansicht Pflegeversicherung - Eine
Aktuell wird viel über die Pflegeversicherung diskutiert. Hier ist mein komplett subjektiver Blick darauf, was in der Pflegeversicherung enthalten ist, was funktioniert und wo die Pflegeversicherung und das Pflegesystem völlig kaputt sind.
Seit Anfang letzten Jahres bezieht meine Frau Leistungen aus der Pflegeversicherung, und ich bin ihr pflegender Angehöriger. Zurzeit pflege ich meine Frau zu Hause. Vermutlich wird sich daran auch nie etwas ändern. Daher liegt mein Schwerpunkt auf der ambulanten Pflegesituation. Ich werfe aber auch einen Blick auf die stationäre Pflege, da es Überschneidungen gibt, zum Beispiel bei der Kurzzeitpflege.
Rückblick
Als die Pflegeversicherung in den 1990er Jahren eingeführt wurde, war sie für mich inhaltlich weit weg. Meine Einschätzung damals: Das ist eine Mittelstands-Erbschafts-Absicherung die als Zwangsversicherung von allen getragen wird. Bei mir kam an, dass die Heim-Pflegekosten immer weiter stiegen und diese hohen Kosten bei den zu Pflegenden zum Rückgriff auf das Vermögen führten und damit das potentielle Erbe der Angehörigen in Gefahr brachten.
Randbeobachtungen
In den letzten Jahren gab es im Freundes- und Familienkreis immer mehr Berichte über Pflegegrade, die Eltern und Angehörigen zugeteilt wurden, und die damit verbundenen Leistungen. Bei mir entstand der Eindruck, dass jede Person über 75 aufgrund typischer altersbedingter gesundheitlicher Einschränkungen einen Pflegegrad erhält. Damit verbunden ist mindestens der Anspruch auf den Entlastungsbetrag in Höhe von aktuell 131 € monatlich für haushaltsnahe Dienstleistungen. Bei weiteren, auch eher alterstypischen gesundheitlichen Einschränkungen, besteht oft auch Anspruch auf einen höheren Pflegegrad und damit auf die Auszahlung von Pflegegeld. In den meisten Fällen von denen ich hörte, änderte sich am Leben der Betroffenen nichts, außer dass nun Kosten übernommen und eventuell zusätzlich Geld ausgezahlt wurden: Das verfügbare Einkommen erhöhte sich. Im Frühjahr diesen Jahres meinte mein Vater mit 84, dass er nun auch einen Pflegegrad beantragen würde. Das Ergebnis: Pflegegrad 2. Auf die Frage, ob er das benötige, sagt er: „Nein“, aber da alle anderen das bekommen, wollte er es auch haben. Einschätzung: viele Mitnahmeeffekte.
Einstieg ins Pflegesystem
Anfang 2025 verschlimmerte sich die Alzheimer-Demenz meiner Frau zunehmend. Über die Jahre war es zwar immer schwieriger geworden, sie allein zu lassen, doch gemeinsame Alltagsaktivitäten waren noch möglich. Ein letzter Versuch, im Sommer 2023 eine (Kurz-)Reise mit einer Übernachtung zu unternehmen, hatte verdeutlicht, dass Reisen nicht mehr möglich waren. Der wöchentliche Einkauf war umständlicher geworden, aber weiterhin machbar. Auch gemeinsame Café- oder Restaurantbesuche funktionierten noch. Besuche von Kulturveranstaltungen und Diskussionen waren mit Einschränkungen möglich.
Bereits ab Spätsommer 2024 gab es zunehmend Probleme mit einer verstärkten Hinlauftendenz und dem Beharren auf der Freiheit, dies auch tun zu dürfen. In der Konsequenz waren wir von Januar bis April 2025 faktisch zu Hause eingesperrt. Gemeinsames Weggehen und Wegfahren war wegen gefährlicher und aggressiver „Ausbruchsversuche“ meiner Frau fast nicht mehr möglich. Sie allein zu lassen, um die nötigsten Besorgungen zu erledigen, funktionierte aber ebenfalls nicht mehr, da sie in der Zwischenzeit zu Hause Dinge – auch aus dem Fenster im fünften Stock – warf oder zerstörte, massive Unordnung verursachte und sich zum Teil auch selbst gefährdete.
Daher suchte ich nach Hilfe. Ich hatte von Kurzzeitpflege und Tagespflege gehört. Klang auf den ersten Blick nach passenden Lösungen. Schnell wurde mir klar, dass man ohne “Pflegegrad” nicht relevant ist. Daher bemühte ich mich um die Erlangung eines Pflegegrades. Hierbei war ich positiv überrascht vom Maß der Digitalisierung und Geschwindigkeit. Antrag konnte Online formlos gestellt werden, Terminvereinbarung binnen 2 Wochen ebenfalls mittels einer Online-Plattform. Die Zugangsdaten waren postalisch zugestellt worden. Am Folgetag der Begutachtung war das Gutachten online abrufbar und der Pflegegrad 4 zugeteilt worden. Automatisch wurde sofort das mit dem Pflegegrad verbundene Pflegegeld ausgezahlt. Einstieg ist super einfach, Pflegegeld wird sofort ausgezahlt!
Bedeutung Pflegegrad & Zugang zu Leistungen
Erhofft hatte ich mir, dass mit dem Pflegegrad der Zugang zur Kurzzeitpflege (um ein paar Tage verreisen zu können) und zur Tagespflege nun möglich sei.
Tagespflege
Leider wurde ich mehr als enttäuscht. Kurzfristig konnte ich einen Probetermin für die Tagespflege vereinbaren. Nachdem ich meine Frau zum Probetermin gebracht hatte, war ich kaum wieder zu Hause, als mich der Anruf der Einrichtung erreichte: Ich solle meine Frau schnellstmöglich wieder abholen, da man den Betreuungsaufwand (sie lief herum) nicht leisten könne und wolle. Nachfolgend bemühte ich mich bei weiteren Tagespflegeeinrichtungen um einen Tagespflegeplatz. Nach einer kurzen Schilderung der Situation wurde mir immer gesagt, dass aktuell „leider“ keine Plätze frei seien, man mich aber auf eine Warteliste setzen würde. Die typische Wartezeit wurde mit ungefähr vier Monaten beziffert. Von keiner dieser Wartelisten habe ich bis heute eine positive Rückmeldung erhalten, auch nicht auf Nachfrage.
Über die Zeit hat sich mein Eindruck verfestigt, dass die isoliert arbeitenden Tagespflegen sich ihre Kunden sehr genau aussuchen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es eher gemütliche Zusammenkünfte von alten Menschen waren, die ich aus meiner Kindheit als Altenkaffee kannte und die zumeist privat organisiert waren. Diese Angebote wurden nun in einem hochprofessionellen Rahmen mit etwa 100 Euro pro Tag und Person vergütet bereitgestellt. Geschätzter Jahresumsatz einer Tagespflegeeinrichtung: 500.000 € (eine halbe Million Euro). Hochregulierte Kriterien, die vermutlich in vielen Fällen vollkommen praxisfern und überdimensioniert sind, die die Tagessätze (leider) erklärlich machen. Dazu vermeidet man bewusst komplizierte Fälle, da sie zusätzlich personalintensiv sind.
Tagespflegeplätze sind in vielen Einrichtungen verteilt. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Tagespflege anbietet. Dort hört aber die Gemeinsamkeit auf. Platzvergabe erfolgt pro Einrichtung nach nicht definierten Kriterien. Eine zentrale Übersicht über verfügbare Plätze ist nicht vorhanden. Ablehnungsgründe sind intransparent und es wird auch nirgendwo festgehalten, welche Art von Plätzen eventuell fehlen.
In meinen Augen braucht es eine zentrale Koordinierung über die Tagespflegen und gleichzeitig auch eine genaue Protokollierung und Zugangskriterien dazu, sodass die einzelnen Einrichtungen sich nicht individuell die interessantesten oder besten Fälle herauspicken können. Dringend erforderlich sind mehr Transparenz und Gerechtigkeit.
Kurzzeitpflege
Gleichzeitig begann ich mich um einen Kurzzeitpflegeplatz zu bemühen. Oft hörte ich keine freien Plätze oder nur ganz weit in der Zukunft. Hier daher auch leider kein Erfolg. In einer Pflegeeinrichtung bekam ich einen persönlichen Besichtigungstermin, bei dem man mir sagte, dass es für meine Frau leider keinen passen Platz gäbe, da niemand sicherstellen könne, dass sie nachts das Gelände nicht verlassen würde. Die Pflegeeinrichtung machte auch mich eher den Eindruck eines auf die Bedürfnisse von älteren Menschen ausgerichteten 3-4 Sterne Hotels. Rezeption, Restaurant, Cafeteria und gemeinsame Freizeitangebote. Das potentielle Zimmer für die Kurzzeitpflege hatte ein gemeinsames Badezimmer mit dem Nachbarzimmer. Gegenüber ein Aufzug und ein Treppenhaus, im EG einen Seitenausgang zum Außengelände mit direktem Zugang zu einer Hauptstraße. Ich habe eingesehen, dass meine Frau dort verloren gehen würde, wo sie bereits zu Hause die Toilette oft nicht mehr findet.
Für die Verhinderungs-/Kurzzeitpflege für maximal 8 Wochen zahlt die Pflegeversicherung aktuell maximal € 3539 pro Jahr (soll ab 2027 weniger werden / anders strukturiert werden) . Faktisch bekommt man für diesen Betrag aktuell ca. 3 Wochen für eine Unterbringung. Die meisten Einrichtungen mit denen ich gesprochen habe, waren auch nur bereit einmalig als Block ein Angebot zu machen. Zuzahlungen für Unterbringung und Verpflegung in dieser Zeit wurde mir mit ca. 130 € pro Tag genannt, d.h. ca. Eigenleistung 2700 € für die genannten 3 Wochen. Aber dazu muss man erst einmal einen Platz bekommen. Für uns faktisch im Moment nutzlos.
Die Pflegeeinrichtungen, denen die Kurzzeitpflegeplätze zumeist angeschlossen sind, erscheinen mir wie vollkommen überteuerte Hotels, zumindest für den Teil der Bewohner, die sich im Wesentlichen noch selbst bewegen.
Auch bei den Kurzzeitpflegeplätzen die gleiche Situation wie bei den Tagespflegeplätzen. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Kurzzeitpflegeplätze anbieten. Dort hört es dann aber auch mit der Koordinierung. Jede Einrichtung vergibt eigenständig die Plätze wieder nach unklaren Kriterien und erneut werden eventuell fehlende Leistungsbereiche nicht erfasst.
Pflegeberatung
Verbunden mit den Leistungen eines Pflegegrad gibt es die Verpflichtung mehrmals im Jahr eine Pflegeberatung zu nutzen. Auch hier liess sich schnell ein Termin vereinbaren. Leider war die Pflegeberatung keine Hilfe. Bei der ersten Pflegeberatung wurden jede Menge Daten zu meiner Frau erfasst und abgefragt. Als Resultat wurde mitgeteilt, auf welche Leistungen sie Anspruch hat: Pflegegeld, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Pflegehilfsmittel, ambulanter Pflegedienst. Nutzlos, da diese Informationen gut aufbereitet auf Webseiten zu finden sind und alle bereits bekannt waren.
Die Nachfrage zu konkreten Tagespflege- und Kurzzeitpflegeplätzen gab es leider keinerlei Antwort oder Anregung. Dauerte der erste Beratungstermin knapp eine halbe Stunde, waren die folgenden Beratungsgespräche nur noch wenige Minuten lang, wobei die meiste Zeit auf das An- und Ausziehen der Jacke und das Auspacken/Verstauen des Tablet-Computers verwendet wurde.
Einzige Ausnahme war ein einziger Beratungstermin bei dem der Pflegeberater zwei Einrichtungen nannte, in denen seine demente Großmutter untergebracht war und regte an, dort evtl. einmal wegen eines Tagespflegeplatzes nachzufragen.
Aktuelle Situation
In einer der genannten Einrichtungen habe ich nach mehr als neun Monaten Vorlaufzeit für meine Frau einen Tagespflegeplatz bekommen. Der erste Probetermin war ebenfalls sehr enttäuschend. Als ich meine Frau mittags dort abholte, machte sie auf mich einen sehr zufriedenen Eindruck. Auch die Betreuerin in der Einrichtung bestätigte, dass der Probetermin gut geklappt hätte, obwohl meine Frau viel herumgelaufen sei.
Auf meine Nachfrage bezüglich des weiteren Vorgehens wurde mir aber mitgeteilt: „Aufgrund von Personalmangel können wir Ihre Frau im Moment nicht aufnehmen. Eventuell melden Sie sich in einigen Monaten noch einmal bei uns.“ Es hat dann noch ein gutes halbes Jahr gedauert und bedurfte mehrerer Telefonate sowie zunehmend eskalierender schriftlicher Kommunikation, bis ein erneuter Probetermin vereinbart werden konnte, dieser erneut erfolgreich war und meine Frau dort nun einige Tage in der Woche betreut wird. Glücklicherweise hatte ich wenige Wochen vor dem neuen Probetermin herausgefunden, dass die Medikamente meiner Frau in Kombination mit Koffein nicht die gewünschte Wirkung erzielten, obwohl es aus pharmakologischer Sicht keine Bedenken gab und die “Unbedenklichkeit” auf Nachfrage von den behandelnden Ärzten ausdrücklich kommuniziert war. Nach dem Verzicht auf Koffein ist meine Frau viel ruhiger geworden und somit nun auch voll-kompatibel für die Tagespflege.
Was gibt es sonst noch?
Einen häuslichen ambulanten Pflegedienst haben wir bisher nicht in Anspruch genommen, da ich dies Leistungen noch sehr gut noch selbst erledigen kann. Zudem würde die Abhängigkeit von fixen Terminen, die dann auch noch in einem hohen Grad variabel sind, im Tagesablauf eher Herausforderungen bedeuten, als dass sie tatsächlich eine Entlastung wären. Oft ist es so, dass meine Frau eine Pause braucht, bevor Dinge fortgesetzt werden können, und das ist natürlich gerade bei durchgeplanten und optimierten professionellen Pflegediensten schwer zu leisten.
Zusammenfassung
Zusammenfassend komme ich zu dem Ergebnis, dass die Geldleistungen aus der Pflegekasse sehr schnell fließen, auch wenn sie oft nicht das primäre Ziel sind und nicht immer benötigt werden. Es wäre daher sinnvoll zu überprüfen, inwieweit Geldleistungen tatsächlich erforderlich sind für die Lebenssituation der zu Pflegenden.
Mein Eindruck ist, dass es heute zu viele Beratungsangebote und Fachberatungen gibt, die aber inhaltlich wirkungslos sind, da ihnen die praktischen Erfahrungen bezüglich einer Umsetzung fehlen. Es ist schön und nett, nicht selbst Informationen heraussuchen zu müssen, auf welche Leistungen theoretisch ein Anspruch besteht, aber wenig hilfreich, wenn danach ein mühsamer Ansatz gesucht werden muss bei vielen einzeln isoliert arbeitenden Einrichtungen. Entweder wird das Angebot an Beratungsleistungen deutlich an den Bedarf optimiert im Sinne von: „Hier ist eine Liste von Einrichtungen A, B, C, bei denen du Hilfe bekommen kannst" und im Zweifelsfall wird auch aktiv mit nachgefragt, oder man kann diese Beratungsleistungen deutlich reduzieren.
Die vielfältigen Angebote bei einem Pflegegrad sind oft nicht zugänglich, da die Einrichtungen sehr isoliert arbeiten. Es bedeutet viel Aufwand, überhaupt an die richtigen Stellen zu kommen, und die Angebote sind nicht unbedingt zielführend.
Bei allen Angeboten in Einrichtungen bin ich der Meinung, dass hier eine zentralisierte Platzvergabe erfolgen müsste, um einen einfacheren Zugang zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass kein Cherry Picking erfolgt. Auch wäre es anhand dieser zentralen Erfassung möglich, festzustellen, welche Betreuungsangebote jeweils fehlen, um auf der Angebotsseite nachsteuern zu können. Vermutlich würde eine zentrale digitale Plattform bereits ausreichen, und in den Fällen, in denen den Menschen der Zugang zu einer solchen digitalen Plattform nicht möglich ist, entsprechende Hilfestellungen bei der Bedienung.
Bei den Pflegeeinrichtungen und den damit verbundenen Kurzzeitpflegeplätzen ist mein Eindruck, dass in zwei Kategorien zu unterscheiden ist:
- Personen, die bettlägerig sind und eher in einem krankenhausähnlichen Zustand betreut werden.
- Bewohnerinnen und Bewohner, die noch selbstständig sind, aber an einzelnen Punkten Unterstützung benötigen.
Der ursprüngliche Ansatz eines Pflegeheims war sicherlich eher an Kategorie 1 ausgerichtet. Kategorie 2 wurde nun in diesen Ansatz integriert, bedeutet aber auch massiven Aufwand und damit verbunden gewaltige Kosten. Das ginge vermutlich auch kostengünstiger und weniger reguliert.
Ausblick
Oft wäre der Zugang zu einer (kleinen) barrierefreien Wohnung in Kombination mit modularen Unterstützungsangeboten (z.B. Reinigungsdienste, Essensangeboten) ausreichend. Langfristig wäre es hilfreich, wenn wir zentral gelegenere, altersgerechte Wohneinrichtungen hätten, die optional bestimmte Leistungen anbieten, wie Reinigung, Mahlzeiten und Freizeitangebote, aber nicht das hohe Maß an Betreuung einer geschlossenen Einrichtung benötigen. Auch könnten damit die ambulanten Pflegedienste entlastet werden, bei denen heute ein großer Teil der Arbeitszeit für die Anfahrt zur Pflegestelle aufgewendet werden muss. Nur im Bedarfsfall wäre dann der Wechsel zu einer stärker einrichtungsorientierten, hochstrukturierten Pflege erforderlich.
Zukunftsbild braucht Antworten auf die Frage was damit individuell besser wird
#1 – Ein positives Zukunftsbild | Wir brauchen optimistische Zukunftserwartungen. Etwas, das ein Gegenentwurf zu Ohnmacht und Komplexität ist. Etwas, das Vertrauen und Stabilität gibt. […]
#2 – Plan und Perspektive | Und dann: ein Plan und eine Perspektive. Wenn uns klar ist, wohin wir wollen und wie ein zukünftiges Deutschland aussehen soll, ist auch klar, was zu tun ist. […]
Man mag unterschiedlicher Meinung zu den Maßnahmen sein. Das ändert jedoch nichts am Wunsch eines positives Bildes und eines Weges, der konsequent gegangen wird.
Das positive Zukunftsbild und den zugehörigen Plan, wie dieses zu erreichen ist, sind wichtige Aspekte.
Bei einigen der ausführlich und gut beschriebenen Rahmenbedingungen sowie bei der Frage, wie ein Zukunftsbild aussehen soll, käme ich zu anderen Analysen und Schwerpunktsetzungen als Vanessa Giese. Ihre Zusammenstellung finde ich dennoch konsistent und nachvollziehbar.
Es fehlt aber die Betrachtung (und Antworten) auf zwei wesentliche Fragestellungen:
- Wie wird mein Leben mit dem vorgeschlagenen Zukunftsbild besser?
- Wird es meinen Kindern und weiteren Nachfahren besser als mir gehen?
Aktuell liefern auf diese Fragen nur die Extreme irgendwie neue Antworten mit einem Veränderungsplan, auch wenn damit eher unrealistische Zielerreichungen zu erwarten:
Die Linkspartei fokussiert sich auf das Thema “Wohnen” - wir vergemeinschaften Wohnungen und damit wird Euer Leben besser, weil es bei Thema “Wohnen” besser wird. Der Ansatz hält keiner ernsthaften Prüfung stand, verfängt aber schnell.
Bei der AfD soll angeblich alles besser werden, wenn Deutschland sich nur um sich kümmert und gleichzeitig die vielen Fremden auch nicht mehr in Deutschland sind. Vereinfacht stark, nimmt die hohe Komplexität heraus und verfängt (leider) in seiner Einfachheit bei den Wählern. Kombiniert mit einem Feindbild (den Fremden) leider aktuell sehr erfolgreich.
Aus der Mode geraten ist das Thema “Umwelt” der Grünen. Die Grünen erklären, dass das Leben besser wird (und sei es nur das Überleben), wenn Natur und Umwelt vollausgesteuert „gerettet“ werden. Ein Stück des Weges wurde bereits gegangen, das wirklich Besser ist teilweise nur schwer zu erkennen, an anderer Stelle (Beispiel Energiewende) sind aus einer Umsetzung heraus bereits neue Probleme entstanden.
Die FDP versucht zu erklären, wieso mit mehr Freiheit, weniger Staat und geringere Steuern gut sind, findet aber auch keine guten Beispiele, was dies für den Einzelnen konkret besser macht bzw. es gibt auch kein Verlangen in weiten Teilen des Wahlvolks nach den genannten abstrakten Zieldimensionen. Oder die gespürte Erfolglosigkeit in den letzten Regierungsbeteiligungen führt zur Ablehnung des Angebots.
Zu guter Letzt bleibt noch die “Alles bleibt wie es ist” Erzählung. Auch zu wenig auf dem Wählermarkt, da viele auch erkennen oder spüren, dass Veränderungen notwendig sind:
Alle Parteien aus dem linken Spektrum (Linkspartei, Grüne, SPD) versuchen zu erklären, dass alles mindestens so bleibt wie es ist, evtl. auch noch mehr “verteilt” wird, weil man den “Reichen” (den Anderen) etwas mehr wegnimmt.
Konservative (CDU, CSU) haben jenseits von “früher war alles” keine Erzählung, mühen sich an Reformen ab, die aber durch Veränderungsunwillen sich selbst blockieren. Man beschwört viel Wirtschaft und Wachstum wie “früher”, die meisten der aktuellen Wähler haben aber keine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mehr mit dem oft zitierten Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit.
Die Umfragen und Wahlergebnisse werden sich erst dann wieder Erträglicher und Zukunftsgerichteter, wenn die Parteien der Mitte ihre Programmatik mehr den den Fragestellungen “Macht das mein Leben besser” und “Haben meine Nachkommen eine bessere Zukunft?” ausrichten.
BTW: Die Notwendigkeit der Beantwortung vorgenannten zentralen Fragen ist mir beim Zuhören hier klargeworden:
Ich habe aus Neugier die mdmeets Podcastfolge von Mathias Döpfner mit Peter Thiel gehört. Aufgrund meiner Erfahrungen mit Döpfner bin ich ihm als Mensch und Journalist gegenüber sehr skeptisch und misstrauisch. Die Unterstützung Trumps durch Peter Thiel irritiert mich; bisher hatte ich jedoch eher keine Meinung zu Thiel. Der Inhalt des Gesprächs hat mich sehr überrascht, und es fällt mir schwer, die heftige Kritik an Thiel im Zusammenhang mit seinem Springer-Award zu verstehen.
Payback für Jens Spahn
Ich muss weder Spahn noch Amthor besonders schätzen, um diese Verkürzung fragwürdig zu finden. Schon bei Spahns Behandlung durch Markus Lanz hat mich gestört, wie schnell journalistisches Nachfragen den Charakter einer öffentlichen Vorführung annimmt.
Zwischen 2017 und 2021 habe ich Jens Spahn einige Male bei Diskussionen ohne Kameras erlebt. Die meisten politischen Akteure sind in solchen Runden oft menschlicher und lassen erkennen, dass sie ihre Mitstreiter aus anderen Parteien persönlich schätzen. Bei konkreten Fragen zeigen sie, dass sie die Argumentation der Gegenseite nachvollziehen können, aber zu einem anderen Schluss kommen. Jens Spahn habe ich in diesen Runden immer anders erlebt: Er erhob sich meistens über die Mitdiskutanten, fiel ihnen ins Wort und belehrte sie. Oft entstand bei mir der Eindruck, dass er vermitteln wollte, seine Meinung sei die einzig richtige und er müsse nun – zum wiederholten Mal – allen anderen erklären, wie die Welt funktioniert.
Diese Beobachtungen passten nicht so recht zur Rolle eines Fraktionsvorsitzenden bei knappen Mehrheitsverhältnissen. Bereits bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden habe ich mich daher gewundert, dass es Jens Spahn wurde. Ich habe mir seine Wahl damit erklärt, dass Spahn sich ja auch weiterentwickelt haben könnte und nun besser in der Lage sein könnte, zu integrieren.
Spätestens bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde mir klar, dass Jens Spahn sich offenbar doch nicht so recht weiterentwickelt hat. Vermutlich glaubte er, dass seine Ansage als Fraktionsvorsitzender – „Ja, wählen wir mit!“ – ausreicht. Während seine Ansagen bis dahin vermutlich akzeptiert oder toleriert worden waren, weil sie inhaltlich passend waren, gab es in dieser Frage deutlichen Widerstand.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt begannen Fraktionskollegen, die vorher seine Art hinnehmen mussten, es ihm heimzuzahlen. Payday!
Es war bekannt, dass der einflussreiche, inzwischen verstorbene Wolfgang Schäuble ein Förderer von Jens Spahn war. Spahn wird weitere Unterstützer und Förderer gehabt haben. Entweder ist deren Einfluss geringer geworden oder sie haben sich von Spahn distanziert. So hat er sowohl den CDU-Fraktionsvorsitz als auch nun die Mitgliedschaft im Haushaltsausschuss des Bundestages verloren.
Ich bin gespannt, ob er sich neu erfinden kann, einen anderen Umgang mit seinen Mitstreitern findet oder dauerhaft in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwindet. Augenfällig ist aber das Wesen eines Politikers, sein Umgang mit anderen Menschen auch relevant, nicht nur die politische Einstellung und Durchsetzungsfähigkeit.
Stolpersteine sind wichtig und müssen sichtbar sein
Bin ich zu Fuß in meinem Viertel in der Kölner Innenstadt unterwegs, sehe ich viele Stolpersteine. Jedes Mal aufs Neue berühren sie mich – und lassen mich mit vielen Fragen und großer Traurigkeit zurück.
Ich bin in Hitdorf, einem kleinen Ort am Rhein zwischen Köln und Düsseldorf aufgewachsen. Während meiner Oberstufenzeit (1984–1987) gab es erste Ansätze, das lokale Geschehen im Dritten Reich nachzuvollziehen. Ich fand einen Hinweis darauf, dass in meinem Wohnortort zwei jüdische Familien deportiert worden waren.
Dazu habe ich meine Oma (* 1915) befragt, die im Ort ihr gesamtes Leben verbracht hat. Ich wollte erfahren und verstehen, was damals passiert ist. Lange hat sie vorgegeben sich nicht erinnern zu können, obwohl Erinnerungen aus der NS- und Kriegszeit häufig von ihr erwähnt wurden.
Bezüglich der jüdischen Familien habe ich nicht aufgeben Mir ging es nicht um Schuldzuweisungen, sondern nur um das Verstehen. Dabei eskalierten die Gespräche mit meiner Oma zunehmend. Irgendwann, mein Druck war scheinbar zu groß geworden, sagte sie dann einen Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: “Ja, es wurde ein Viehwaggon an die Kleinbahn angehängt und diese Familien wurden darin fortgebracht.”
Die Kleinbahn fuhr direkt an ihrem Haus vorbei.
Sie ergänzte noch: “Was sollten wir denn machen? Wer etwas sagte, bekam es mit der SA zu tun.” Ich meine mich zu erinnern, dass sie auch erwähnte, dass die Familien nochmals in Köln-Deutz im Internierungslager in der Messe gesehen worden waren. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Was auch immer sie noch an Erinnerungen hatte, ist mit ihrem Ableben verloren gegangen.
Ich hätte mir gewünscht, dass es die Stolpersteine zu meiner Schulzeit bereits gegeben hätte. Ich wäre vielleicht früher darüber gestolpert, hätte früher nachfragen könne, hätte einen Bezugspunkt für meine Fragen gehabt. Auch hätte es dem gesamten Ort nicht erlaubt die Verbrechen an ihren ehemaligen Nachbarn nicht zu sehen. Eventuell hätten sie meiner Großmutter, die einen riesigen rheinisch-katholischen „Richtig-Falsch-Kompass“ hatte, nicht erlaubt, ihre Erinnerungen derart zu verdrängen.
Heute gibt es für die damals aus des Ort gerissenen jüdischen Familien Stolpersteine:
Alfred Maier Elsa Maier Simon Sally Maier
Abraham Herz Frieda Herz Therese Cohn Simon Philipp Herz Regina Herz
Stolpersteine sind wichtig und müssen sichtbar sein!
Mein Apple Abschied beginnt (wieder) ...
Mein Apple-Anfang 1984
On-Off-Beziehung ist eine sehr treffende Beschreibung meiner Beziehung zu Apple. Mein Jahrgang war der erste, der in der Oberstufe einen Informatikkurs belegen konnte. Der Grundkurs Informatik startete im Sommer 1984 auf zehn Apple-IIe-Systemen. Programmiert wurde mit UCSD Pascal. Fast zeitgleich kam Anfang 1984 der erste Mac auf den Markt. Das Gerät faszinierte mich sehr. Oft verbrachte ich viel freie Zeit in Geschäften, in denen man einen Mac ausprobieren konnte. Preislich spielte der Mac in einer Traum-Liga.

Ohne viel Mühe hatte man schnell mehr als zehntausend Mark auf der Rechnung. Bei vielen Händlern gab es Rabatte auf die Listenpreise, aber der Mac-Preis war weiterhin astronomisch. Daher bekam ich 1985 nur einen Apple //e. Aus Nostalgiegründen ist dieser immer noch vorhanden und steht, verstaut in zwei Kisten, im Keller. Vor einigen Jahren war er noch funktionstüchtig. Es folgten Amiga und PCs. 1989 leihweise für ein halbes Jahr einen aktuellen Mac für die DTP-Nutzung. Ansonsten viel Windows und Linux 08/15 Hardware und OS.
Lange Pause, Newton und Hackintosh
Dann über Jahre erneut kein Bezug zu Apple, um 1998 herum eine kurze, intensive Zeit mit einem Newton (liegt auch noch im Keller). Damals Visionär, aber leider noch zu unreif und zu früh auf den Markt gebracht. Nächster Apple-Kontakt via Hackintosh auf einem IBM X61t Notebook, später abgelöst durch ein 15" HP-Hackintosh-Notebook.
iMac, iPhone & iPad
Im Winter 2009 wechselte ich als primäres Arbeitsgerät auf ein iMac 27". Windows dann für lange Zeit nur auf Notebooks.
Seit Herbst 2008 sind unterschiedliche iPhone-Modelle mein primäres Mobiltelefon. Ab 2010 gesellte sich das iPad dazu. Viele der meistgenutzten Anwendungen verlagerten sich vom iPhone auf das iPad. Das iPad schien mir die perfekte Kombination aus Mobiltelefon und Notebook zu sein.
Seit Frühjahr 2025 ist ein Macbook Air M4 vorhanden (hat ein Macbook Air M1 abgelöst, das aber fast nur als Unterwegs-Notebook im Einsatz war). Mit dem M4 Macbook wurden die iPads (iPad Pro 12.9 + Standard iPad aus 2022) fast obsolet. Zusammen mit dem iPhone 15 Pro Max ist das Macbook Air gefühlt ausreichend. Gedanklich erkläre ich mir diese massive Nutzungsveränderung mit dem Aufkommen der AI-Nutzung, bei der gefühlt die Limitationen des iPad für mich überwogen.
Vorgespult zu 2026
Aktuell sind immer noch das iPhone 15 Pro Max, eine Apple Watch 10 und das Macbook Air M4 im Einsatz. In der Vergangenheit habe ich die iPhones alle drei Jahre erneuert. Die Watch Updates waren unregelmäßiger, da es einen begründbaren Mehrwert geben mußte. Dieses Jahr werden beide nicht erneuert werden. Es ergibt keinen Sinn jenseits einer besseren Kamera auf dem iPhone.
Apple und die EU (Digital Markets Act)
Als Apple in der WWDC Keynote 2026 länglich erklärte, warum Siri AI und andere Funktionen nicht in der EU verfügbar werden, war meine erste Reaktion: “Mist, verhindert die dumpfe EU-Bürokratie erneut meinen Zugang zu Innovation”.
Nach einigen Nächten darüber schlafen und ein wenig mehr Recherche kam ich zu dem Ergebnis: „Apple, ich kann deine Argumente nachvollziehen, warum der Zugang zu meinen Daten sensibel ist und du ihn daher zu meinem Schutz exklusiv nutzen möchtest. ABER ich bin erwachsen und möchte darüber selbst entscheiden können. Es ist gut möglich, dass ich bei Deinem Apple-Angebot bleibe. Da du jedoch in den letzten Jahren die KI-Entwicklung vergurkt hast, möchte ich mir die Option offenhalten, einen anderen KI-Provider zu nutzen!“
Ich finde die Argumentation der EU-Kommission passend. War das Zugangsmonopol zu Apps über den App Store auf iPhone und iPad noch irgendwie akzeptabel, wäre eine Apple-exklusive App-Zertifizierung auf dem Mac mit Sicherheit mein Exit-Kriterium. Und bei iPhone, Watch und iPad sehe ich keinen Anreiz auf neuere Hardware zu wechseln. Auch werde ich erstmals nach vielen Jahren am kommenden Montag und in den nächsten Monaten auf keinem meiner Apple-Geräte auf die neue “27er” Softwareversion wechseln. Ich sehe keinen Grund dies zu tun.
Schaue ich mir die Apple-Bilanz an, wird klar, dass der Großteil der Wertschöpfung durch Hardwareverkäufe entsteht. In Kombination mit geschlossenen, aber gut integrierten Betriebssystemen ergibt sich daraus eine Einheit. Diese Einheit ist nun durch KI-Funktionen und entsprechende Anbieter bedroht. Das Betriebssystem droht in den Hintergrund zu treten, was in der Folge zu einem Einbruch der Hardwareverkäufe führen könnte. Einige Experten sind der Meinung, dass die bunten Bildschirme im KI-Zeitalter insgesamt ein Relikt der Vergangenheit sind und sich alles in Richtung Sprache verschiebt. Ich kann das derzeit nicht nachvollziehen. Der Bildschirm bietet ein hohes Maß an Privatsphäre, das durch Spracheingaben nie erreicht werden kann. Nur die Sprachausgabe über Kopfhörer ist in Bezug auf die individuelle Privatsphäre gleichwertig. Bei Samrtglasses habe ich als Gleitsicht-Brillenträger wenig Zuversicht. Ingsamt vielversprechend, aber wenn “Smart” verlangt, dass ich mich bei meiner Brille auf die Korrektur meiner Kurzsichtigkeit (in die Ferne) beschränken muss, dann wird das nicht wirklich gut. Eine Kombination von Kamera plus Projektion des Nahinhalts auf den Screen in der Brille könnte eine Option sein. Da aber aktuell die Kameras in den Brillen bereits verteufelt werden, sehe ich in dieser Richtung wenig Akzeptanz. Insgesamt sehe ich in der überschaubaren Zukunft die Dominanz eines Smartphones. Aber ein neuer Wettbeeerb, welche Software-Plattformen relevant sind könnte beginnen. Apple hat einen guten Startplatz aber zumindest in der EU ein nicht wettbewerbsfähiges Modell.
Gleichzeitig hat Apple, von außen betrachtet, einen Teil der KI-Entwicklung verschlafen. Während auf der Hardwareseite mit dem MLX-Framework auf Apple Silicon ein durchaus leistungsfähiges und wettbewerbsfähiges Portfolio vorhanden ist, musste das Unternehmen auf der Softwareseite nach zwei Jahren der Nichterfüllung seit den Ankündigungen von KI-Funktionen auf der WWDC im Sommer 2024 nun auf eine Zusammenarbeit mit Google setzen und Gemini als Modell nutzen. Offen ist noch, wie gut Siri AI funktionieren wird, denn die Funktion setzt umfangreiche Vorarbeiten in den Apps voraus, die von den App-Entwicklern bereitgestellt werden müssen. Während MCP und auch die Integration von Agenten zumeist entlang bereits vorhandener APIs erfolgen können, möchte Apple die Entwickler mit seinem Ansatz in ein deutlich engeres Korsett pressen. Angesichts der Tatsache, dass im September 2026 viele große Märkte wie die EU, China und Japan vorerst ausgeschlossen sind, habe ich Zweifel daran, dass App-Entwickler bereit sein werden, mit voller Kraft in dieses Thema einzusteigen.
Für den Moment werden iPhone und Watch mein primäres Smartphone-System bleiben. Aber gedanklich bereite ich bereits meinen Abschied vor – zumindest als valide Option.
Vor Kurzem musste ich mein Android-Basteltelefon austauschen. Für 160 € habe ich ein aktuelles 5G-Samsung-Mittelklassemodell erstanden. Hardwareseitig macht dieses Gerät einen wertigen Eindruck, das Betriebssystem ist mir allerdings noch immer fremd. Wenn ich die Entwicklung der Claude- und Codex-Apps in den vergangenen 24 Monaten betrachte, kann ich mir vorstellen, dass sich meine Nutzung zunehmend in Richtung dieser Apps verschieben wird. Damit würde das Betriebssystem auf allen Geräten nachrangig oder eventuell sogar ersetzt werden: Apple OS & Android Bye-bye & I don’t care!
Die nächste Zeit bleibt spannend, Apple ist noch nicht ausgeschieden, aber die Mini-Fortschritte und überhebliche Abschottung gefährden (erneut) die Zukunft.
Mein 9/11
Es gibt Tage, die sich sehr markant einprägen. Der 11. September 2001 ist für mich einer dieser Tage. Meiner Einschätzung nach ist es ein Ereignis, das die folgenden 25 Jahre geprägt hat und auch mindestens die nähere Zukunft prägen wird.
Am Nachmittag des 11. September 2001 saß ich zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, der kurz zuvor nach Deutschland gezogen war, in einem Büro in Wiesbaden direkt neben dem Hauptbahnhof. Wir arbeiteten an unseren Laptops mit einer aus heutiger Sicht schmalbandigen Internetverbindung (unter einem Megabit, gemeinsam genutzt) an einem Projektdokument, waren aber gleichzeitig auch online.
Zu dieser Zeit bedeutete „online“ für mich immer: MSN Messenger und ein geöffnetes und aktives Browserfenster mit einer Nachrichtenseite. Ich bin nicht sicher, ob mein Nachrichtenportal noch Focus Online war, das ab Mitte der 90er-Jahre eine gute Nachrichtenübersicht – vermutlich weitergeleitete Agenturmeldungen – bereitstellte, oder schon Spiegel Online.
Fast Live dabei
Gegen 15 Uhr sagte dieser Kollege: „Crazy, there are reports that a plane crashed into the New York WTC!“ Er hatte eine Messenger-Nachricht von US-Freunden erhalten. Wir begannen beide, der Sache nachzugehen, unterhielten uns parallel und spekulierten dabei über das „Was und Wie“ (Kleinflugzeug, Jet, Militärmaschine …), aber nicht im Entferntesten über ein „Warum“. Meine bevorzugten deutschen Nachrichtenseiten hatten zu dieser Zeit noch keine Informationen, während die amerikanischen Nachrichtenmedien bereits mit ihrer Berichterstattung begonnen hatten. Dazu gehörte auch ein CNN-Livestream (aus heutiger Sicht in Sub-SD-Qualität, aber es gab Bewegtbild und Ton). Schnell wurde klar, dass aufgrund der Rauchwolke etwas Größeres eingeschlagen sein musste. Ich meine, wir hätten den Einschlag des zweiten Flugzeugs live im Stream gesehen; es kann aber auch sein, dass wir nur eine der ersten Wiederholungen gesehen haben. Sicher bin ich mir hingegen, dass wir den Beginn des Einsturzes des Südturms noch im Livestream verfolgen konnten, bevor die Internetverbindungen zu US-Servern aufgrund von Kapazitätsüberlastung nicht mehr funktionierten. Kurze Zeit später waren auch die meisten deutschen Nachrichtenportale wegen Überlastung nicht mehr erreichbar. Ab diesem Zeitpunkt waren wir für Nachrichten auf das Radio eines Kollegen angewiesen.
Sorge um die Kollegen
Unser Unternehmen mit Hauptsitz in Seattle befand sich seit Anfang 2000 in einem weltweiten Aufbau. In Deutschland hatten im Laufe des Sommers eine Reihe neuer Kollegen begonnen, und ein gutes Dutzend Kollegen und teilweise Freunde war auf dem Weg nach Seattle zu seiner Onboarding-Session. Daher begannen im Laufe des späten Nachmittags die Telefone heiß zu laufen, weil die Angehörigen herauszufinden versuchten, was mit ihren Liebsten los war. Wir konnten schnell mit unserem Reisebüro klären, dass kein Kollege in einem der abgestürzten Flugzeuge gebucht war. Es blieb ein Restrisiko, dass kurzfristige Umbuchungen diesen Status geändert haben könnten. Später wurde klar, dass alle sicher in Seattle angekommen waren.
Im Verlauf des frühen Abends gab es nochmals Aufregung, als Gerüchte die Runde machten, dass es weitere gleichartige Anschläge auf ähnlich ikonische Gebäude geben könnte. Auf der Gerüchteliste standen auch die Seattle Twin Towers, im Hotel in diesem Gebäude waren unsere Kollegen untergebracht. Glücklicherweise passierte auch dort nichts. Die Kollegen berichteten jedoch von surrealen Szenen, als US-Kriegsschiffe fast direkt vor dem Hotel, im Hafen beziehungsweise in der Bucht von Seattle, Gefechtsposition bezogen.
Bis auf die Tatsache, dass die Kollegen deutlich länger als geplant in den USA bleiben mussten, ist ihnen aber nichts passiert.
Klarheit
Am Abend bin ich mit dem Auto von Wiesbaden zurück nach Hause in die Nähe von Köln gefahren. Auch in Deutschland kursierten wilde Gerüchte über mögliche Gefahren. In Frankfurt wurden vor allem der Messeturm und die Zwillingstürme der Deutschen Bank als Anschlagsziele genannt. Da der amerikanische Kollege seine Wohnung im Frankfurter Westend hatte, habe ich ihm telefonisch angeboten, zu mir nach Hause zu kommen. Das hat er nicht gemacht, und es ist auch nichts passiert.
Als ich zu Hause aus dem Auto stieg, waren ich bei Dingen sehr klar:
- In Anbetracht der Anschläge werden sich die Amerikaner als Nation zusammenfinden. Dies, obwohl die USA spätestens seit der Präsidentschaftswahl im November 2000 zerstritten war. Hatte ich, aus meiner deutschen Brille, den Großteil der Amerikaner bis dahin für vergleichsweise uninteressiert an der US-Bundespolitik erlebt, so hatte sich dies massiv geändert. Vorher war der Fokus dort mehr auf die eigene nähere Umgebung gerichtet. Von der Bundesebene wurde erwartet, dass sie das Land nach außen gut vertreten und sichern, die aber ansonsten heraushält und einen in Ruhe läßt. Ich war während und nach der 2000er Präsidentschaftswahl (Gore vs. Bush junior) und dem nachfolgenden Streit über die Auszählung und den Sieger in den USA. Hatte ich gelernt, das man anders als in Deutschland oder Europa, dort besser nicht über Politik spricht, änderte sich dies vor meinen Augen. Sehr binäre politische Positionsmitteilungen wurden normal. Dies steigerte sich ab dann von Wahl zu Wahl.
- Es wird eine heftige militärische Reaktion der USA geben. Aufgrund der Unklarheit hinsichtlich des Gegners war lediglich unklar, wie diese Reaktion aussehen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung hatte ich nur die amerikanischen Bombardements auf Tripolis und Bengasi 1986, die Bombardements in Serbien, sowie den ersten Irakkrieg 1991 als Referenzgrößen in Erinnerung. Die Dimension der mit 9/11 direkt oder indirekt begründeten Kriegseinsätze war nicht erkannbar.
Auswirkungen bis heute
Bis heute haben die Auswirkungen von 9/11 Einfluss auf unser Leben:
- Sicherheitskontrollen: Flughäfen, Grenzübergänge und öffentliche Gebäude werden deutlich strenger kontrolliert. Flüssigkeitsbeschränkungen, Körperscanner, biometrische Pässe und umfangreiche Datenbanken sind Teil dieser Sicherheitskultur.
- Überwachung und Datenschutz: Der „Krieg gegen den Terror“ führte zu einer starken Ausweitung staatlicher Überwachung. Geheimdienste erhielten größere Befugnisse; zugleich entstand ein dauerhafter Konflikt zwischen Sicherheit, Privatsphäre und Bürgerrechten.
- Außenpolitik und Kriege: Die US-geführten Interventionen in Afghanistan und im Irak prägten die internationale Ordnung, destabilisierten ganze Regionen und trugen indirekt zur Entstehung oder Stärkung dschihadistischer Gruppen bei. Gesellschaftliches Klima: Muslime und Menschen, die als muslimisch oder arabisch wahrgenommen werden, waren häufiger Diskriminierung, Generalverdacht und antimuslimischem Rassismus ausgesetzt. Begriffe wie „Terrorismus“ wurden politisch und medial nachhaltig geprägt.
- Recht und Freiheitsrechte: Maßnahmen wie der Patriot Act, Vorratsdatenspeicherung, außergerichtliche Inhaftierungen und umstrittene Verhörmethoden verschoben vielerorts die Grenzen staatlicher Befugnisse.
- Medien und Erinnerungskultur: Live-Bilder globaler Katastrophen, permanente Nachrichtenzyklen und die Darstellung von Terror in Film, Fernsehen und Computerspielen veränderten den öffentlichen Umgang mit Gewalt und Angst.
- Infrastruktur und Wirtschaft: Kritische Infrastrukturen, Notfallplanung, Gebäudesicherheit und der Umgang mit Lieferketten- oder Cyberrisiken wurden neu bewertet.
- Politische Debatten: 9/11 dient bis heute als Bezugspunkt für Diskussionen über Migration, Integration, Grenzen, militärische Interventionen und den Umgang mit politischen Extremismen.
Das ikonische Gebäude-Duo, das man beim An- oder Abflug nach New York sehen konnte, fehlt. Noch heute bin ich angesichts der direkten Konfrontation mit den Folgen des Anschlags verstört, besonders bei Besuchen am Ground Zero. Berichte über Opfer und Helfer bewegen mich.
Während der zurückliegenden Fußball-WM sendete MagentaTV seine (profanen) Talkrunden von einem Balkon in New York mit Ground Zero im Hintergrund. Ohne Einordnung empfand ich diesen Hintergrund als unpassend.
Der 11. September 2001 - Ein mehr als denkwürdiger Tag.
Wir sind gefangen im Gesundheitswesen der 90er:Bitte faxen!
Eine Expedition ins deutsche Gesundheitswesen
Mein Vater kämpft seit einigen Wochen mit einer Harnwegsinfektion. Nach einem quälenden Wochenende stand gestern Vormittag ein weiterer Arztbesuch an. Aus der Arztpraxis erreichte mich der Anruf mit der Frage: „Kannst du mich ins Krankenhaus bringen?“ Ich ließ schnell alles stehen und liegen. Meine demente Frau wollte nicht mitkommen. Sie ist derzeit so gut eingestellt, dass ich kein Problem darin sah, sie für einige Stunden allein zu lassen. Das bestätigte sich auch bei meiner späteren Rückkehr.
Ich holte meinen Vater zu Hause ab. Er hatte bereits einen kleinen Koffer gepackt und drückte mir einen Stapel Papier in die Hand: eine Kurzzusammenfassung der Situation sowie ein ausgefülltes Überweisungsformular. Es fehlte jedoch die Information, wohin er genau musste.
Akt 1 - Papierberge im Krankenhaus
Nach einigen kurzen Aufregern bei der Anreise (Wo darf ich meinen Vater aussteigen lassen?) an der zentralen Patienten-Aufnahme angelangt. Eine digitale Voranmeldung durch den Hausarzt war nicht erfolgt. Mitgebrachtes Papier wurde in eine Mappe eingelegt, die Krankenkassenkarte war Basis für weitere Ausdrucke, die auch in die Mappe eingelegt wurden. Wir bekamen die Mappe in die Hand gedrückt und wurden zur zuständigen Ambulanz geschickt. Papier-Mappe abgegeben, gewartet, behandelt worden. Dann: Vater kann wieder nach Hause, Arztbrief wird an einem Bildschirmarbeitsplatz eingetippt und ausgedruckt. In diesem finden sich dann Sätze wie “Name nicht mehr erinnerlich” – vermutlich war die Papierakte wieder irgendwo und man konnte nicht nachschauen wer um was gebeten hatte. Dazu gab es noch ein Papier-Rezept.
Akt 2 - Ein Rezept ohne Unterschrift
Vater wieder ins Auto eingeladen, kurz vor seinem Zuhause die nahegelegene Apotheke aufgesucht. Der kritische Blick auf den Rezeptzettel machte. mich bereits leicht nervös. Mitarbeiter entschwindet in die hinteren Räume: “Moment bitte”. Nach einigen Minuten kommt er zurück: “Auf dem Rezept fehlt die Unterschrift des Arztes, das können wir so nicht einlösen!” — Diskussion der Alternative. Ergebnis: Apotheke legt das Medikament zurück, am Nachmittag Hausarzt anrufen, dort um die Neuausstellung des Rezepts bitten und Übermittlung per Fax an die Apotheke, diese bringt dann das Medikament am Abend zu meinem Vater. Gesagt getan, Mail an die Hausarztpraxis (GMail Account !) mit allen Papierdokumenten und bitte das Rezept zu übersenden. Nach fünf zusätzlichen Telefonaten konnte die Ersatzbeschaffung des Medikaments abgeschlossen werden. Zwischenzeitlich gelernt, dass in der Hausarztpraxis das Rezept auf die Krankenkassenkarte meines Vaters gespeichert wurde. Die Freigabe erfolgte bei diesem Arzt scheinbar nur im Sammelverfahren kurz vor Feierabend. Nachfolgend musste die Praxismitarbeiterin auf dieses abgespeicherte Rezept zugreifen und es Ausdrucken. Danach Fax an die Apotheke. Das Medikament landete am Abend im Briefkasten meines Vaters. Beiliegend ein Zettel mit der Bitte, in den kommenden Tagen die 5€ Rezeptgebühr auszugleichen. Das nicht unterschriebene Rezept hatte, aus welchen Gründen auch immer, einen “Kostenfrei” Vermerk.
Akt 3 - Die Suche nach einem Termin bei einem Urologen
Das Krankenhaus hatten meinen Vater entlassen mit dem Hinweis, dass er gerne bei Fieber oder Schüttelfrost sofort wieder kommen dürfe, ansonsten aber der Hausarzt nun für die weitere Behandlung zuständig sei. Der Hausarzt stellte “freundlicherweise” eine Überweisung zum Urologen aus, da ab diesem Punkt nicht mehr zuständig. Nachfolgend habe ich gesammelt zwei halbe Tage mit dem Abtelefonieren aller Urologen Umkreis des Wohnortes meines Vater verbracht. Gesucht wurde ein Termin für einen Katheter-Auslassversuch in der Folgewoche.
Praxis 1 hat noch Ferien, verweist an einen weiter entfernten Arzt.
Praxis 2 (der Verweis von 1) erklärt sich aufgrund des Wohnorts nicht zuständig und verweist auf die Tatsache, dass die gewünschte Behandlung ja auch in 5-6 Wochen erfolgen könne und da wäre ja die “zuständige Praxis” aus den Ferien zurück.
Praxis 3 ähnlich: Überlastung und Patienten nur aus Ort X. Aber es gäbe ja die Praxis 4 mit mehreren Kollegen, dort möge ich es doch bitte versuchen.
Praxis 4 war telefonisch über 2 Vormittage und einen Nachmittag nicht erreichbar: Entweder Leitung besetzt oder Anruf wurde nicht angenommen. Dort hatt man eine Doctolib-Seite. Terminangebote für gesetzlich Versicherte für die aufgeführte Anliegen im November/Dezember Zeitfenster. ODER: Selbstzahlertermine - Akute Beschwerden / Notfall zeitnah.
Praxis 5 war nicht erreichbar und auch ohne Möglichkeit zur Online-Terminanfrage.
Praxis 6 erklärte auch wieder die räumliche Nicht-Zustämdigkeit und Überlastung, obwohl bezogen auf Entfernung am nächsten zum Vater-Wohnort, aber seit 1975 in einem anderen Landkreis zugeordnet. Zwischenzeitlich hatte ich recherchiert, das die nötige Behandlung als Selbstzahler nicht die Welt kosten würde (< 100€). Da ich bereits massiv gefrustet war, die Optionen jenseits von Notaufnahme Krankenhaus, ausgingen, habe ich die Karte “Wann könnte ich denn einen Termin als Selbstzahler erhalten und was würde es ca. kosten?” gezogen. Termin gäbe es sofort, für die Kostendiskussion wurde ich direkt mit dem Arzt verbunden. Diesem die Situation geschildert. Nach kurzer guter und offener Diskussion gab es einen Termin für meinen Vater fünf Tage später ohne “Selbstzahlung”. Auch für diese Behandlung wurden wieder neu Papierstapel angelegt, es wurde aber auch fleissig in einen Computer getippt. Ausgabe dann aber immer wieder zurück auf Papier.
Akt 4 - Beschaffung in einem Sanitätshaus
Im Lauf der weiteren Behandlung nun ein Beschaffungsbesuch in einem Sanitätshaus. Ein Rezept beinhaltete die benötigten Dinge. In einem ersten Bearbeitungsschritt (ca. 10 Minuten) wurde unter Hinzuziehung von drei Kolleginnen festgestellt, dass die Mengenangaben auf dem Rezeot nicht stimmen würden und die Menge aus Gründen reduziert. Schritt 2 war dann 15 Minuten heranholen der benötigten Dinge inkl. ca. 3 Minuten Einweisung in die Anwendung. Schritt 3 die Information über die Dinge die im Starterpack nicht enthalten seien und selbst gekauft werden müssen oder ein sep. Rezept des Arztes erfordern würden (+5 Minuten). Weitere 10 Minuten waren erforderlich für die Kundenneuanlage in einem System zu erledigen, Austausch mit einem Kollegen, wie mit der passenden Krankenkasse (aus den TOP 3 bezogen auf Mitgliederzahlen) umzugehen sei. Nach füng weiteren Minuten für den Selbstzahler-Anteil konnte ich das Sanitätshaus verlassen.
Mein Fazit
Im genannten Ablauf habe ich erlebt, wie das deutsche Gesundheitswesen bezogen auf Digitalisierung fast durchgängig in den frühen 1990er Jahren stecken geblieben ist. Die Endgeräte sind vorhanden, werden aber wie “früher” nur im Stand-Alone Modus genutzt. Vernetzung ist auf dem Niveau “FAX” stecken geblieben.
Die Menschen mit denen ich es zu tun hatte, nutzen mit Sicherheit außerhalb ihres Berufslebens wie selbstverständlich moderne, vernetzte Kommunikations- und Organisatiosmittel. Sie werden aber aus (welchen ?) Gründen in ihrem Arbeitsleben täglich in die Vergangenheit zurückgebracht. Sie haben sich mit dem Unsinn arrangiert, wohlwissend wie ineffizient und rückständig ihr Handeln oft ist. Sie ahnen vermutlich, wieviel mehr Zeit sie mit Patienten und Kunden verbringen könnten, wenn der alte Kram endlich modernisiert wäre und Papier-Schnittstellen funktionieren würde. Ich glaubte dies ihnen Ansehen zu können oder hörte es auch. Wir müssen mehr als 35 Jahre schnell aufholen! Wir können das und wissen auch wie es funktioniert, müssen es nur machen.
c't Abo kündigen - Meine c't Magazin Kritik nach 30 Jahren
Warum ich mein c’t Abo kündigen musste
Nach mehr als 30 Jahren habe ich beschlossen, mein c’t Abo kündigen zu wollen. Ende Juni war es endgültig vorbei. In den letzten Jahren ist die Bedeutung der Zeitschrift für mich immer weiter gesunken. Das wichtigste Heft aus dem Heise Verlag habe ich seit den 80er Jahren regelmäßig gelesen. War es damals und lange danach eine wichtige Quelle und ein Maßstab im IT-Journalismus für mich, nahm sein Wert ab den 2000er-Jahren immer mehr ab. Später wurde es ganz durch viele andere Quellen ersetzt.
Aus Gewohnheit und Tradition und aus Bequemlichkeit hatte ich das Abo bisher immer wieder verlängert. Künftig werde ich ab und zu noch einmal hineinschauen: Readly und die Stadtbibliothek werden meine Quellen sein.
Am Anfang hatte ich das Abo, weil die Archiv-CD ein großer Vorteil war. Ohne zu Hause Papierberge stapeln zu müssen, hatte ich direkten Zugang zu damals durchaus wichtigen alten Inhalten. Die Jahres-CDs wurden durch DVDs für längere Zeiträume und später durch ein Online-Archiv hinter einer Abo-Paywall ersetzt. Jedes Mal passte das zur Zeit.
Meine c’t Magazin Kritik zum Medienwandel
Gefühlt ist die c’t für mich stehen geblieben, während sich diese Themenwelt mit dem allgemeinen Medienwandel weiterentwickelt hat und sehr bunt geworden ist. Die c’t hat viele Chancen verpasst. Das Online-Forum hat bis heute ein grässliches UI und ist kaum nutzbar. Ein echter Austausch mit Lesern wurde nie ernsthaft gesucht. Auffällig ist: Zu jedem Artikel finden sich mindestens ein Dutzend (für mich meist nutzlose) Rückmeldungen. Darin geht es um den Nutzen des vorgestellten Themas für den jeweiligen Verfasser.
Ein weiterer Punkt für meine c’t Magazin Kritik: Geärgert hat mich ein nicht gehaltenes Versprechen in einem Artikel zu IPTV-Angeboten im Zusammenhang mit den Sportberichten zur Fußball-WM. Darin wurde ein Online-Update zum 12.06.2026 angekündigt. Eine tolle Idee, um das Print vs Digital Dilemma zu lösen und Updates im Netz nachzureichen. Aber weder am 12.06. noch in den Wochen bis zum Ende der WM konnte ich das Update finden. Versprochen - gebrochen!
Auch die Bastel-Projekte klemmen; Sie beginnen in der Print-Ausgabe, werden aber nicht auf der digitalen Seite weitergeführt oder wechseln schwer nachvollziehbar zwischen Online-Community und einer Zusammenfassung des Stands im Heft. News zu Produkten sind heute viel schneller online zu finden. Ohne zusätzliche Erklärung ist die Veröffentlichung in einem monatlichen Magazin unnötiges Papier.
Fazit: Print vs Digital als verpasste Chance
Ich frage mich noch, ob die sehr lange Weigerung, reine Digital-Abos anzubieten, ein kluger Zug war oder auch zum Abstieg beigetragen hat. Hätte ich mein Abo schon viel früher gekündigt, wenn es “pur digital” gegeben hätte? Auch der wenig attraktive Preisunterschied hat mich nach dem Start des Angebots nicht zum Wechsel bewegt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses Abo bis vor kurzem noch hatte.
Ich werde die Entwicklung beobachten, befürchte aber, dass ohne große Änderungen bald nur noch der Satz “Wurde eingestellt” zu finden sein wird.
Blogroll Curator + Hugo Blogroll Paket
Blogroll
Ich mag Blogrolls oder auch nur Empfehlungsseiten. Aktuell kommt durch rivva.de Bewegung in dieses Feld.
Blogroll Curator
Meine genutzten RSS-Plattformen (miniflux & FreshRSS) bieten jenseits von einer dezidierten Kategorie für meine Einträge auf meine Blogroll keine Möglichkeit Tags oder vergleichbares einem Feed hinzuzufügen. Auch alle Feedreader die ich kenne sind in dieser Hinsicht keine Hilfe. Daher habe ich eine kleine App assistiert gebaut: OPML-Export –> lokale Datenbank & Kuratierung (Auswahl, Mein Kommentar, Sprache des Blogs) –> OPML Ausgabe mit Zusatztags.

Erste Version ist hier zu finden: Github Blogroll Curator
Hugo Blogroll Paket
Um Blogrolls direkt aus einer OPML-Datei erstellen zu lassen habe ich zusätzlich ein Hugo Paket assistiert gebaut, dass die wesentlichen Dinge für eine Blogroll einer Hugo Site hinzufügt. Die Blogroll hier wird mit diesem Paket erstellt.
40 Jahre Online
Erstes Modem
Zum Ende der Sommerferien 1986 kaufte ich mir ein Modem als Einsteckkarte für meinen Apple IIe. Den genauen Preis erinnere ich nicht, ich meine aber, dass es zwischen 300 und 400 Mark waren. Ich hatte während der Sommerferien bei einem Ferienjob Geld verdient und dieses Geld wurde zu einem Teil für den Kauf verwendet. Zu Hause hatten wir einen Telefonanschluß, der in meinem Zimmer ins Haus hereingeführt wurde. Dort habe ich das Modem irgendwie aufgeklemmt und es funktionierte auf Anhieb. Geschwindigkeit: 300 Baud (entspricht 300 Bit/s – ~30 Zeichen pro Sekunde).
Meine erste Verbindung erfolgte zu einem Mailboxsystem des WDR Computer Clubs. Für mich war das alles furchtbar spannend und aufregend, meinen Eltern war es mehr als suspekt. Das Telefon war ein geschlossenes System, Telefone gab es nur bei der Bundespost zu kaufen oder mieten. Computer waren selten, dass diese jetzt mit dem geschlossenen Telefonnetz verbunden wurden, irritierte.
Mailboxen (BBS)
Die damaligen Mailboxen waren in sich geschlossene Systeme, es gab Basisfunktionen für Anmeldung, privten Nachrichtenaustausch und öffentliche “Foren”. Das WDR System hatte zusätzlich eine 2er-Chat Funktion. Es gab zwei Einwahlmöglichkeiten. Jeder Nutzer konnte den parallel eingewählten Nutzer an-chatten. Da kamen manchmal schon obskure Chats bei heraus, die aber aus heutiger Erinnerung alle harmlos waren.
In der Zeit hat sich in Köln eine kleine, überschaubare Szene gebildet. Jeder kannte (fast) jeden. Wenn ich das richtig erinnere, dann entwickelte sich (typisch deutsch) der Verein Computer Artists Cologne (CAC).
Die meisten der damaligen Mailboxen basierten auf einer C64 Software, die Menge der gespeicherten Daten (nur ASCII Texte) war begrenzt auf die Anzahl der angeshlossenen Diskettenlaufwerke.
Um in den überregionalen Austausch zu kommen, musste eine Mailbox im Zielgebiet angewählt werden. Limitierender Faktor waren die Telefongebühren. Waren es im gleichen Ortsnetz und dem Bereich darum herum 23 Pfennig pro 8 Minuten, wurde es schnell teuer. Im Fernbereich waren es bereits 1,15 DM pro Minute. Und Verbindungen dauerten, da man manuell durch Menüs navigieren musste und Texte nur langsam herunter geladen wurden. Vor meinen Online Ausflügen lag unsere monatliche Telefonrechnung bei 30-40 Mark. Dies steigerte sich durch Online auf ca. 100 DM, war aber manchmal auch mehr.
Internationale Verbindungen - Datex-P
Seit 1987 arbeitee ich neben meinem Studium bei einem Software-Distributor für den Commodore Amiga. Dort waren Informationen zu Trends und neuen Entwicklungen Geld wert. Ich hatte herausgefunden das es eine Online Quelle für Branchennachrichten auf einem via Datex-P erreichbaren System in den USA gab. Die regelmäßigen Abrufe dort waren noch ein Stück aufregender für mich. Kosten pro Abruf des Newsletters ca. 100 DM für den Datentransport via Datex-P.
Internet
1990 kam für mich das Internet dazu. In Berlin gab es ein System, dass mit mehreren geteilt, eine 9600 Bit/s Uplink zur Uni in Berlin hatte. 1992 / 1993 dann ein Dial-Up Zugang mit eigenem Host über rhein.de, später dann per Dial-On Demand ISDN-Verbindung. Inhaltlich schreibe ich evtl. ein anderes Mal dazu.
Fazit
Die Mailboxen hatten schnell ihre Grenzen erreicht und wurden für mich langweilig. Auch spätere Vernetzungen im Fido-Netz haben nicht überdauert, sondern waren Brückentechnologie. Die hohen Kosten und Zugangsbarrieren sind zum Glück vorbei. Das Internet ist bis heute geblieben, auch wenn es heute sehr anders ist als 1990.