Zum verrückt werden!

Der Kölner Stadtanzeiger veröffentlichte heute einen Artikel mit dem Titel Tagespflege NRW: Alleine darf man nicht sein, sagt Frau Nickel der mich richtig ärgerlich machte. Im Artikel wird die schöne Welt der Tagespflege beschrieben am Beispiel der 90-jährigen Frau Nickel. Dazu ist noch der “nette” Satz enthalten:

Die Tagespflege ist ein Angebot mit großem Potenzial. Und doch bleibt sie oft ungenutzt.

Meine Wirklichkeit

Seit mehr als einem Jahr bin ich auf der (bisher vergeblichen) Suche nach genau solch einem Tagespflegeplatz für meine demente Frau. Leider kann meine Frau aufgrund des Krankheitsfortschritts nicht alleine bleiben. Zur Zeit habe ich fürs Einkaufen und andere Erledigungen jede Woche zwei Entlastungen: Jeden Dienstag kommt für 2-3 Stunden eine ehrenamtliche Helferin. Donnerstags ist unsere Haushalthilfe für 3 Stunden bei uns. Alles andere erfordert langen Vorlauf und viel Organisation um am Abend alleine zu einer Veranstaltung gehen zu können.

Die Tagespflege wäre hier die passende Entlastung. Bei einigen Einrichtungen ist meine Frau über ein Jahr auf der Warteliste. Nachfragen leider immer erfolglos.

Zweimal hatten wir das große Glück, dass meine Frau an einem Probevormittag in einer Tagespflege teilnehmen durfte. Bei Einrichtung Nummer 1 war ich nach dem Hinbringen gerade wieder zurück zu Hause, als die Tagespflege anrief und bat meine Frau wieder abzuholen, da man ihre Betreuung nicht leisten könne. Grund: Sie lief zuviel herum!.

Bei Einrichtung Nummer 2 war es deutlich besser. Ich holte meine Frau um 13 Uhr ab. Sie machte einen zufriedenen Eindruck und auch das Feedback der Einrichtungsleiterin empfand ich als positiv und angemessen. Auf Nachfrage, wie es denn jetzt weiter gehe könnte, wurde mir dann aber beschieden, dass man meine Frau derzeit nicht aufnehmen könne, da man für die nächsten Monat dafür nicht das Personal habe. Ich könnte gerne in einigen Monaten nochmals nachfragen.

Von Fachberatern (von denen es jede Menge gibt) wurde mir mehrfach bestätigt, dass man beobachte, dass sich die Einrichtungen vor den komplizierten (Demenz-) Fällen drücken und diese nicht aufnehmen.

Leserbrief

Der nachfolgende Leserbrief wurde (bisher) nicht veröffentlicht. Allerdings meldete sich die Autorin des Artikels und stellte in Aussicht, dass sie auch nun mehrfach von den geschilderten Probleme gehört habe und dies im Artikel nicht berücksichtigt sei. Sie überlege möglicherweise nach der Sommerpause das Thema nochmals mit dieser anderen Sichtweise aufzunehmen.

Friede, Freude, Kirschenkuchen – Der exklusive Club der Tagespflege

Ein rührender Artikel: Frau Nickel schlendert entspannt zum Supermarkt für ein paar Kirschen und spielt vergnügt „Mensch ärgere dich nicht“.

Die Diakonie schwärmt zeitgleich, dieses „Angebot mit großem Potenzial“ bliebe leider „oft ungenutzt“. Da kommen einem als Angehöriger eines demenzkranken Menschen unweigerlich die Tränen – allerdings vor Wut und blankem Zynismus.

„Oft ungenutzt“? Das ist der Hohn des Jahres. Erzählen Sie dieses Märchen mal den Familien, die verzweifelt versuchen, für einen Menschen mit fortgeschrittener Demenz einen Platz zu ergattern. Die Realität abseits der redaktionellen Kirschen-Idylle lautet: Man verrottet jahrelang auf Wartelisten, auf denen sich praktischerweise niemals Vakanzen ergeben. Auf die fest zugesagten Rückrufe der Einrichtungen wartet man ohnehin bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Bekommt man doch einmal einen der mythischen Probetage, sieht die viel gepriesene „Teilhabe“ für Demenzkranke meist so aus: Das Telefon klingelt mitten am Vormittag. Man möge den Angehörigen bitte sofort wieder abholen. Der Gast sei zu unruhig, passe nicht in die Gruppe, kurzum: Er macht schlichtweg „zu viel Arbeit“. Ein echtes Träumchen für berufstätige Angehörige, die eigentlich Entlastung suchten.

Noch perfider ist nur Variante zwei: Der Probetag läuft wunderbar. Der demenzkranke Mensch blüht auf, hat erkennbar Freude an der Gesellschaft – ganz im Sinne des Mantras „Alleine soll man nicht sein“. Doch pünktlich an der Abhol-Tür gibt es den verbalen Tritt in die Magengrube: „Leider haben wir Personalmangel. Eine Betreuung ist bei diesem Aufwand nicht möglich.“

Es ist schon bemerkenswert, dass dieser Personalmangel immer exakt dann zuschlägt, wenn jemand echte Pflege benötigt. Und das, obwohl durch die hohe Pflegestufe des Demenzkranken ein deutlich höherer Tagessatz an die Einrichtung fließt! Das Geld der Pflegekassen nimmt man offenbar gerne – aber bitte nur für Premium-Gäste, die nett plaudern, sich selbst anziehen und beim Yoga mitmachen. Wer hingegen echte Arbeit macht, stört den unbeschwerten Betriebsablauf.

Frau Nickel hat völlig recht: Alleine soll man nicht sein. Aber die ungeschminkte Wahrheit der Tagespflege lautet: Wer dement ist, bleibt draußen. Wer dieses System der knallharten Rosinenpickerei als flächendeckendes Sicherheitsnetz verkauft, verhöhnt all jene Familien, die davon jeden Tag aufs Neue systematisch aussortiert werden.