Es gibt Tage, die sich sehr markant einprägen. Der 11. September 2001 ist für mich einer dieser Tage. Meiner Einschätzung nach ist es ein Ereignis, das die folgenden 25 Jahre geprägt hat und auch mindestens die nähere Zukunft prägen wird.
Am Nachmittag des 11. September 2001 saß ich zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, der kurz zuvor nach Deutschland gezogen war, in einem Büro in Wiesbaden direkt neben dem Hauptbahnhof. Wir arbeiteten an unseren Laptops mit einer aus heutiger Sicht schmalbandigen Internetverbindung (unter einem Megabit, gemeinsam genutzt) an einem Projektdokument, waren aber gleichzeitig auch online.
Zu dieser Zeit bedeutete „online“ für mich immer: MSN Messenger und ein geöffnetes und aktives Browserfenster mit einer Nachrichtenseite. Ich bin nicht sicher, ob mein Nachrichtenportal noch Focus Online war, das ab Mitte der 90er-Jahre eine gute Nachrichtenübersicht – vermutlich weitergeleitete Agenturmeldungen – bereitstellte, oder schon Spiegel Online.
Fast Live dabei
Gegen 15 Uhr sagte dieser Kollege: „Crazy, there are reports that a plane crashed into the New York WTC!“ Er hatte eine Messenger-Nachricht von US-Freunden erhalten. Wir begannen beide, der Sache nachzugehen, unterhielten uns parallel und spekulierten dabei über das „Was und Wie“ (Kleinflugzeug, Jet, Militärmaschine …), aber nicht im Entferntesten über ein „Warum“. Meine bevorzugten deutschen Nachrichtenseiten hatten zu dieser Zeit noch keine Informationen, während die amerikanischen Nachrichtenmedien bereits mit ihrer Berichterstattung begonnen hatten. Dazu gehörte auch ein CNN-Livestream (aus heutiger Sicht in Sub-SD-Qualität, aber es gab Bewegtbild und Ton). Schnell wurde klar, dass aufgrund der Rauchwolke etwas Größeres eingeschlagen sein musste. Ich meine, wir hätten den Einschlag des zweiten Flugzeugs live im Stream gesehen; es kann aber auch sein, dass wir nur eine der ersten Wiederholungen gesehen haben. Sicher bin ich mir hingegen, dass wir den Beginn des Einsturzes des Südturms noch im Livestream verfolgen konnten, bevor die Internetverbindungen zu US-Servern aufgrund von Kapazitätsüberlastung nicht mehr funktionierten. Kurze Zeit später waren auch die meisten deutschen Nachrichtenportale wegen Überlastung nicht mehr erreichbar. Ab diesem Zeitpunkt waren wir für Nachrichten auf das Radio eines Kollegen angewiesen.
Sorge um die Kollegen
Unser Unternehmen mit Hauptsitz in Seattle befand sich seit Anfang 2000 in einem weltweiten Aufbau. In Deutschland hatten im Laufe des Sommers eine Reihe neuer Kollegen begonnen, und ein gutes Dutzend Kollegen und teilweise Freunde war auf dem Weg nach Seattle zu seiner Onboarding-Session. Daher begannen im Laufe des späten Nachmittags die Telefone heiß zu laufen, weil die Angehörigen herauszufinden versuchten, was mit ihren Liebsten los war. Wir konnten schnell mit unserem Reisebüro klären, dass kein Kollege in einem der abgestürzten Flugzeuge gebucht war. Es blieb ein Restrisiko, dass kurzfristige Umbuchungen diesen Status geändert haben könnten. Später wurde klar, dass alle sicher in Seattle angekommen waren.
Im Verlauf des frühen Abends gab es nochmals Aufregung, als Gerüchte die Runde machten, dass es weitere gleichartige Anschläge auf ähnlich ikonische Gebäude geben könnte. Auf der Gerüchteliste standen auch die Seattle Twin Towers, im Hotel in diesem Gebäude waren unsere Kollegen untergebracht. Glücklicherweise passierte auch dort nichts. Die Kollegen berichteten jedoch von surrealen Szenen, als US-Kriegsschiffe fast direkt vor dem Hotel, im Hafen beziehungsweise in der Bucht von Seattle, Gefechtsposition bezogen.
Bis auf die Tatsache, dass die Kollegen deutlich länger als geplant in den USA bleiben mussten, ist ihnen aber nichts passiert.
Klarheit
Am Abend bin ich mit dem Auto von Wiesbaden zurück nach Hause in die Nähe von Köln gefahren. Auch in Deutschland kursierten wilde Gerüchte über mögliche Gefahren. In Frankfurt wurden vor allem der Messeturm und die Zwillingstürme der Deutschen Bank als Anschlagsziele genannt. Da der amerikanische Kollege seine Wohnung im Frankfurter Westend hatte, habe ich ihm telefonisch angeboten, zu mir nach Hause zu kommen. Das hat er nicht gemacht, und es ist auch nichts passiert.
Als ich zu Hause aus dem Auto stieg, waren ich bei Dingen sehr klar:
- In Anbetracht der Anschläge werden sich die Amerikaner als Nation zusammenfinden. Dies, obwohl die USA spätestens seit der Präsidentschaftswahl im November 2000 zerstritten war. Hatte ich, aus meiner deutschen Brille, den Großteil der Amerikaner bis dahin für vergleichsweise uninteressiert an der US-Bundespolitik erlebt, so hatte sich dies massiv geändert. Vorher war der Fokus dort mehr auf die eigene nähere Umgebung gerichtet. Von der Bundesebene wurde erwartet, dass sie das Land nach außen gut vertreten und sichern, die aber ansonsten heraushält und einen in Ruhe läßt. Ich war während und nach der 2000er Präsidentschaftswahl (Gore vs. Bush junior) und dem nachfolgenden Streit über die Auszählung und den Sieger in den USA. Hatte ich gelernt, das man anders als in Deutschland oder Europa, dort besser nicht über Politik spricht, änderte sich dies vor meinen Augen. Sehr binäre politische Positionsmitteilungen wurden normal. Dies steigerte sich ab dann von Wahl zu Wahl.
- Es wird eine heftige militärische Reaktion der USA geben. Aufgrund der Unklarheit hinsichtlich des Gegners war lediglich unklar, wie diese Reaktion aussehen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung hatte ich nur die amerikanischen Bombardements auf Tripolis und Bengasi 1986, die Bombardements in Serbien, sowie den ersten Irakkrieg 1991 als Referenzgrößen in Erinnerung. Die Dimension der mit 9/11 direkt oder indirekt begründeten Kriegseinsätze war nicht erkannbar.
Auswirkungen bis heute
Bis heute haben die Auswirkungen von 9/11 Einfluss auf unser Leben:
- Sicherheitskontrollen: Flughäfen, Grenzübergänge und öffentliche Gebäude werden deutlich strenger kontrolliert. Flüssigkeitsbeschränkungen, Körperscanner, biometrische Pässe und umfangreiche Datenbanken sind Teil dieser Sicherheitskultur.
- Überwachung und Datenschutz: Der „Krieg gegen den Terror“ führte zu einer starken Ausweitung staatlicher Überwachung. Geheimdienste erhielten größere Befugnisse; zugleich entstand ein dauerhafter Konflikt zwischen Sicherheit, Privatsphäre und Bürgerrechten.
- Außenpolitik und Kriege: Die US-geführten Interventionen in Afghanistan und im Irak prägten die internationale Ordnung, destabilisierten ganze Regionen und trugen indirekt zur Entstehung oder Stärkung dschihadistischer Gruppen bei. Gesellschaftliches Klima: Muslime und Menschen, die als muslimisch oder arabisch wahrgenommen werden, waren häufiger Diskriminierung, Generalverdacht und antimuslimischem Rassismus ausgesetzt. Begriffe wie „Terrorismus“ wurden politisch und medial nachhaltig geprägt.
- Recht und Freiheitsrechte: Maßnahmen wie der Patriot Act, Vorratsdatenspeicherung, außergerichtliche Inhaftierungen und umstrittene Verhörmethoden verschoben vielerorts die Grenzen staatlicher Befugnisse.
- Medien und Erinnerungskultur: Live-Bilder globaler Katastrophen, permanente Nachrichtenzyklen und die Darstellung von Terror in Film, Fernsehen und Computerspielen veränderten den öffentlichen Umgang mit Gewalt und Angst.
- Infrastruktur und Wirtschaft: Kritische Infrastrukturen, Notfallplanung, Gebäudesicherheit und der Umgang mit Lieferketten- oder Cyberrisiken wurden neu bewertet.
- Politische Debatten: 9/11 dient bis heute als Bezugspunkt für Diskussionen über Migration, Integration, Grenzen, militärische Interventionen und den Umgang mit politischen Extremismen.
Das ikonische Gebäude-Duo, das man beim An- oder Abflug nach New York sehen konnte, fehlt. Noch heute bin ich angesichts der direkten Konfrontation mit den Folgen des Anschlags verstört, besonders bei Besuchen am Ground Zero. Berichte über Opfer und Helfer bewegen mich.
Während der zurückliegenden Fußball-WM sendete MagentaTV seine (profanen) Talkrunden von einem Balkon in New York mit Ground Zero im Hintergrund. Ohne Einordnung empfand ich diesen Hintergrund als unpassend.
Der 11. September 2001 - Ein mehr als denkwürdiger Tag.