Ich muss weder Spahn noch Amthor besonders schätzen, um diese Verkürzung fragwürdig zu finden. Schon bei Spahns Behandlung durch Markus Lanz hat mich gestört, wie schnell journalistisches Nachfragen den Charakter einer öffentlichen Vorführung annimmt.
Horst Schulte
In den vielen Kommentaren zu den Vorgängen um Jens Spahn (und auch Philipp Amthor) vermisse ich eine Rückkoppelung zum (sonstigen) Auftreten der jeweiligen Personen.

Zwischen 2017 und 2021 habe ich Jens Spahn einige Male bei Diskussionen ohne Kameras erlebt. Die meisten politischen Akteure sind in solchen Runden oft menschlicher und lassen erkennen, dass sie ihre Mitstreiter aus anderen Parteien persönlich schätzen. Bei konkreten Fragen zeigen sie, dass sie die Argumentation der Gegenseite nachvollziehen können, aber zu einem anderen Schluss kommen. Jens Spahn habe ich in diesen Runden immer anders erlebt: Er erhob sich meistens über die Mitdiskutanten, fiel ihnen ins Wort und belehrte sie. Oft entstand bei mir der Eindruck, dass er vermitteln wollte, seine Meinung sei die einzig richtige und er müsse nun – zum wiederholten Mal – allen anderen erklären, wie die Welt funktioniert.

Diese Beobachtungen passten nicht so recht zur Rolle eines Fraktionsvorsitzenden bei knappen Mehrheitsverhältnissen. Bereits bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden habe ich mich daher gewundert, dass es Jens Spahn wurde. Ich habe mir seine Wahl damit erklärt, dass Spahn sich ja auch weiterentwickelt haben könnte und nun besser in der Lage sein könnte, zu integrieren.

Spätestens bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde mir klar, dass Jens Spahn sich offenbar doch nicht so recht weiterentwickelt hat. Vermutlich glaubte er, dass seine Ansage als Fraktionsvorsitzender – „Ja, wählen wir mit!“ – ausreicht. Während seine Ansagen bis dahin vermutlich akzeptiert oder toleriert worden waren, weil sie inhaltlich passend waren, gab es in dieser Frage deutlichen Widerstand.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt begannen Fraktionskollegen, die vorher seine Art hinnehmen mussten, es ihm heimzuzahlen. Payday!

Es war bekannt, dass der einflussreiche, inzwischen verstorbene Wolfgang Schäuble ein Förderer von Jens Spahn war. Spahn wird weitere Unterstützer und Förderer gehabt haben. Entweder ist deren Einfluss geringer geworden oder sie haben sich von Spahn distanziert. So hat er sowohl den CDU-Fraktionsvorsitz als auch nun die Mitgliedschaft im Haushaltsausschuss des Bundestages verloren.

Ich bin gespannt, ob er sich neu erfinden kann, einen anderen Umgang mit seinen Mitstreitern findet oder dauerhaft in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwindet. Augenfällig ist aber das Wesen eines Politikers, sein Umgang mit anderen Menschen auch relevant, nicht nur die politische Einstellung und Durchsetzungsfähigkeit.