Bin ich zu Fuß in meinem Viertel in der Kölner Innenstadt unterwegs, sehe ich viele Stolpersteine. Jedes Mal aufs Neue berühren sie mich – und lassen mich mit vielen Fragen und großer Traurigkeit zurück.
Ich bin in Hitdorf, einem kleinen Ort am Rhein zwischen Köln und Düsseldorf aufgewachsen. Während meiner Oberstufenzeit (1984–1987) gab es erste Ansätze, das lokale Geschehen im Dritten Reich nachzuvollziehen. Ich fand einen Hinweis darauf, dass in meinem Wohnortort zwei jüdische Familien deportiert worden waren.
Dazu habe ich meine Oma (* 1915) befragt, die im Ort ihr gesamtes Leben verbracht hat. Ich wollte erfahren und verstehen, was damals passiert ist. Lange hat sie vorgegeben sich nicht erinnern zu können, obwohl Erinnerungen aus der NS- und Kriegszeit häufig von ihr erwähnt wurden.
Bezüglich der jüdischen Familien habe ich nicht aufgeben Mir ging es nicht um Schuldzuweisungen, sondern nur um das Verstehen. Dabei eskalierten die Gespräche mit meiner Oma zunehmend. Irgendwann, mein Druck war scheinbar zu groß geworden, sagte sie dann einen Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: “Ja, es wurde ein Viehwaggon an die Kleinbahn angehängt und diese Familien wurden darin fortgebracht.”
Die Kleinbahn fuhr direkt an ihrem Haus vorbei.
Sie ergänzte noch: “Was sollten wir denn machen? Wer etwas sagte, bekam es mit der SA zu tun.” Ich meine mich zu erinnern, dass sie auch erwähnte, dass die Familien nochmals in Köln-Deutz im Internierungslager in der Messe gesehen worden waren. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Was auch immer sie noch an Erinnerungen hatte, ist mit ihrem Ableben verloren gegangen.
Ich hätte mir gewünscht, dass es die Stolpersteine zu meiner Schulzeit bereits gegeben hätte. Ich wäre vielleicht früher darüber gestolpert, hätte früher nachfragen könne, hätte einen Bezugspunkt für meine Fragen gehabt. Auch hätte es dem gesamten Ort nicht erlaubt die Verbrechen an ihren ehemaligen Nachbarn nicht zu sehen. Eventuell hätten sie meiner Großmutter, die einen riesigen rheinisch-katholischen „Richtig-Falsch-Kompass“ hatte, nicht erlaubt, ihre Erinnerungen derart zu verdrängen.
Heute gibt es für die damals aus des Ort gerissenen jüdischen Familien Stolpersteine:
Alfred Maier Elsa Maier Simon Sally Maier
Abraham Herz Frieda Herz Therese Cohn Simon Philipp Herz Regina Herz