Aktuell wird viel über die Pflegeversicherung diskutiert. Hier ein komplett subjektiver Blick auf was ist drin in der Pflegeversicherung, was funktioniert und wo ist die Pflegeversicherung und das Pflegesystem total kaputt? Seit Anfang letzten Jahres ist meine Frau Leistungsbezieherin der Pflegeversicherung und ich bin der pflegende Angehörige. Zurzeit wird meine Frau von mir zu Hause gepflegt. Vermutlich wird das auch nie ändern. Daher der primäre Blick auf die ambulante Pflegesituation, aber auch ein Blick in die stationäre Pflege, da es Schnittmengen gibt, z.B. bei der Kurzzeitpflege.
Rückblick
Als die Pflegeversicherung in den 1990er Jahren eingeführt wurde, war sie für mich inhaltlich weit weg. Meine Einschätzung damals: Das ist eine Mittelstands-Erbschafts-Absicherung die als Zwangsversicherung von allen getragen wird. Bei mir kam an, dass die Heim-Pflegekosten immer weiter stiegen und diese hohen Kosten bei den zu Pflegenden zum Rückgriff auf das Vermögen führten und damit das potentielle Erbe der Angehörigen in Gefahr brachten.
Randbeobachtungen
In den letzten Jahren gab es im Freundes- und Familienkreis immer mehr Berichte über Pflegegrade, die Eltern und Angehörigen zugeteilt wurden, und die damit verbundenen Leistungen. Bei mir entstand der Eindruck, dass jede Person über 75 aufgrund typischer altersbedingter gesundheitlicher Einschränkungen einen Pflegegrad erhält. Damit verbunden ist mindestens der Anspruch auf den Entlastungsbetrag in Höhe von aktuell 131 € monatlich für haushaltsnahe Dienstleistungen. Bei weiteren, auch eher alterstypischen gesundheitlichen Einschränkungen, besteht oft auch Anspruch auf einen höheren Pflegegrad und damit auf die Auszahlung von Pflegegeld. In den meisten Fällen von denen ich hörte, änderte sich am Leben der Betroffenen nichts, außer dass nun Kosten übernommen und eventuell zusätzlich Geld ausgezahlt wurden: Das verfügbare Einkommen erhöhte sich. Im Frühjahr diesen Jahres meinte mein Vater mit 84, dass er nun auch einen Pflegegrad beantragen würde. Das Ergebnis: Pflegegrad 2. Auf die Frage, ob er das benötige, sagt er: „Nein“, aber da alle anderen das bekommen, wollte er es auch haben. Einschätzung: viele Mitnahmeeffekte.
Einstieg ins Pflegesystem
Anfang 2025 verschlimmerte sich die Alzheimer-Demenz meiner Frau zunehmend. Über die Jahre war es zwar immer schwieriger geworden, sie allein zu lassen, doch gemeinsame Alltagsaktivitäten waren noch möglich. Ein letzter Versuch, im Sommer 2023 eine (Kurz-)Reise mit einer Übernachtung zu unternehmen, hatte verdeutlicht, dass Reisen nicht mehr möglich waren. Der wöchentliche Einkauf war umständlicher geworden, aber weiterhin machbar. Auch gemeinsame Café- oder Restaurantbesuche funktionierten noch. Besuche von Kulturveranstaltungen und Diskussionen waren mit Einschränkungen möglich.
Bereits ab Spätsommer 2024 gab es zunehmend Probleme mit einer verstärkten Hinlauftendenz und dem Beharren auf der Freiheit, dies auch tun zu dürfen. In der Konsequenz waren wir von Januar bis April 2025 faktisch zu Hause eingesperrt. Gemeinsames Weggehen und Wegfahren war wegen gefährlicher und aggressiver „Ausbruchsversuche“ meiner Frau fast nicht mehr möglich. Sie allein zu lassen, um die nötigsten Besorgungen zu erledigen, funktionierte aber ebenfalls nicht mehr, da sie in der Zwischenzeit zu Hause Dinge – auch aus dem Fenster im fünften Stock – warf oder zerstörte, massive Unordnung verursachte und sich zum Teil auch selbst gefährdete.
Daher suchte ich nach Hilfe. Ich hatte von Kurzzeitpflege und Tagespflege gehört. Klang auf den ersten Blick nach passenden Lösungen. Schnell wurde mir klar, dass man ohne “Pflegegrad” nicht relevant ist. Daher bemühte ich mich um die Erlangung eines Pflegegrades. Hierbei war ich positiv überrascht vom Maß der Digitalisierung und Geschwindigkeit. Antrag konnte Online formlos gestellt werden, Terminvereinbarung binnen 2 Wochen ebenfalls mittels einer Online-Plattform. Die Zugangsdaten waren postalisch zugestellt worden. Am Folgetag der Begutachtung war das Gutachten online abrufbar und der Pflegegrad 4 zugeteilt worden. Automatisch wurde sofort das mit dem Pflegegrad verbundene Pflegegeld ausgezahlt. Einstieg ist super einfach, Pflegegeld wird sofort ausgezahlt!
Bedeutung Pflegegrad & Zugang zu Leistungen
Erhofft hatte ich mir, dass mit dem Pflegegrad der Zugang zur Kurzzeitpflege (um ein paar Tage verreisen zu können) und zur Tagespflege nun möglich sei.
Tagespflege
Leider wurde ich mehr als enttäuscht. Kurzfristig konnte ich einen Probetermin für die Tagespflege vereinbaren. Nachdem ich meine Frau zum Probetermin gebracht hatte, war ich kaum wieder zu Hause, als mich der Anruf der Einrichtung erreichte: Ich solle meine Frau schnellstmöglich wieder abholen, da man den Betreuungsaufwand (sie lief herum) nicht leisten könne und wolle. Nachfolgend bemühte ich mich bei weiteren Tagespflegeeinrichtungen um einen Tagespflegeplatz. Nach einer kurzen Schilderung der Situation wurde mir immer gesagt, dass aktuell „leider“ keine Plätze frei seien, man mich aber auf eine Warteliste setzen würde. Die typische Wartezeit wurde mit ungefähr vier Monaten beziffert. Von keiner dieser Wartelisten habe ich bis heute eine positive Rückmeldung erhalten, auch nicht auf Nachfrage.
Über die Zeit hat sich mein Eindruck verfestigt, dass die isoliert arbeitenden Tagespflegen sich ihre Kunden sehr genau aussuchen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es eher gemütliche Zusammenkünfte von alten Menschen waren, die ich aus meiner Kindheit als Altenkaffee kannte und die zumeist privat organisiert waren. Diese Angebote wurden nun in einem hochprofessionellen Rahmen mit etwa 100 Euro pro Tag und Person vergütet bereitgestellt. Geschätzter Jahresumsatz einer Tagespflegeeinrichtung: 500.000 € (eine halbe Million Euro). Hochregulierte Kriterien, die vermutlich in vielen Fällen vollkommen praxisfern und überdimensioniert sind, die die Tagessätze (leider) erklärlich machen. Dazu vermeidet man bewusst komplizierte Fälle, da sie zusätzlich personalintensiv sind.
Tagespflegeplätze sind in vielen Einrichtungen verteilt. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Tagespflege anbietet. Dort hört aber die Gemeinsamkeit auf. Platzvergabe erfolgt pro Einrichtung nach nicht definierten Kriterien. Eine zentrale Übersicht über verfügbare Plätze ist nicht vorhanden. Ablehnungsgründe sind intransparent und es wird auch nirgendwo festgehalten, welche Art von Plätzen eventuell fehlen.
In meinen Augen braucht es eine zentrale Koordinierung über die Tagespflegen und gleichzeitig auch eine genaue Protokollierung und Zugangskriterien dazu, sodass die einzelnen Einrichtungen sich nicht individuell die interessantesten oder besten Fälle herauspicken können. Dringend erforderlich sind mehr Transparenz und Gerechtigkeit.
Kurzzeitpflege
Gleichzeitig begann ich mich um einen Kurzzeitpflegeplatz zu bemühen. Oft hörte ich keine freien Plätze oder nur ganz weit in der Zukunft. Hier daher auch leider kein Erfolg. In einer Pflegeeinrichtung bekam ich einen persönlichen Besichtigungstermin, bei dem man mir sagte, dass es für meine Frau leider keinen passen Platz gäbe, da niemand sicherstellen könne, dass sie nachts das Gelände nicht verlassen würde. Die Pflegeeinrichtung machte auch mich eher den Eindruck eines auf die Bedürfnisse von älteren Menschen ausgerichteten 3-4 Sterne Hotels. Rezeption, Restaurant, Cafeteria und gemeinsame Freizeitangebote. Das potentielle Zimmer für die Kurzzeitpflege hatte ein gemeinsames Badezimmer mit dem Nachbarzimmer. Gegenüber ein Aufzug und ein Treppenhaus, im EG einen Seitenausgang zum Außengelände mit direktem Zugang zu einer Hauptstraße. Ich habe eingesehen, dass meine Frau dort verloren gehen würde, wo sie bereits zu Hause die Toilette oft nicht mehr findet.
Für die Verhinderungs-/Kurzzeitpflege für maximal 8 Wochen zahlt die Pflegeversicherung aktuell maximal € 3539 pro Jahr (soll ab 2027 weniger werden / anders strukturiert werden) . Faktisch bekommt man für diesen Betrag aktuell ca. 3 Wochen für eine Unterbringung. Die meisten Einrichtungen mit denen ich gesprochen habe, waren auch nur bereit einmalig als Block ein Angebot zu machen. Zuzahlungen für Unterbringung und Verpflegung in dieser Zeit wurde mir mit ca. 130 € pro Tag genannt, d.h. ca. Eigenleistung 2700 € für die genannten 3 Wochen. Aber dazu muss man erst einmal einen Platz bekommen. Für uns faktisch im Moment nutzlos.
Die Pflegeeinrichtungen, denen die Kurzzeitpflegeplätze zumeist angeschlossen sind, erscheinen mir wie vollkommen überteuerte Hotels, zumindest für den Teil der Bewohner, die sich im Wesentlichen noch selbst bewegen.
Auch bei den Kurzzeitpflegeplätzen die gleiche Situation wie bei den Tagespflegeplätzen. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Kurzzeitpflegeplätze anbieten. Dort hört es dann aber auch mit der Koordinierung. Jede Einrichtung vergibt eigenständig die Plätze wieder nach unklaren Kriterien und erneut werden eventuell fehlende Leistungsbereiche nicht erfasst.
Pflegeberatung
Verbunden mit den Leistungen eines Pflegegrad gibt es die Verpflichtung mehrmals im Jahr eine Pflegeberatung zu nutzen. Auch hier liess sich schnell ein Termin vereinbaren. Leider war die Pflegeberatung keine Hilfe. Bei der ersten Pflegeberatung wurden jede Menge Daten zu meiner Frau erfasst und abgefragt. Als Resultat wurde mitgeteilt, auf welche Leistungen sie Anspruch hat: Pflegegeld, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Pflegehilfsmittel, ambulanter Pflegedienst. Nutzlos, da diese Informationen gut aufbereitet auf Webseiten zu finden sind und alle bereits bekannt waren.
Die Nachfrage zu konkreten Tagespflege- und Kurzzeitpflegeplätzen gab es leider keinerlei Antwort oder Anregung. Dauerte der erste Beratungstermin knapp eine halbe Stunde, waren die folgenden Beratungsgespräche nur noch wenige Minuten lang, wobei die meiste Zeit auf das An- und Ausziehen der Jacke und das Auspacken/Verstauen des Tablet-Computers verwendet wurde.
Einzige Ausnahme war ein einziger Beratungstermin bei dem der Pflegeberater zwei Einrichtungen nannte, in denen seine demente Großmutter untergebracht war und regte an, dort evtl. einmal wegen eines Tagespflegeplatzes nachzufragen.
Aktuelle Situation
In einer der genannten Einrichtungen habe ich nach mehr als neun Monaten Vorlaufzeit für meine Frau einen Tagespflegeplatz bekommen. Der erste Probetermin war ebenfalls sehr enttäuschend. Als ich meine Frau mittags dort abholte, machte sie auf mich einen sehr zufriedenen Eindruck. Auch die Betreuerin in der Einrichtung bestätigte, dass der Probetermin gut geklappt hätte, obwohl meine Frau viel herumgelaufen sei.
Auf meine Nachfrage bezüglich des weiteren Vorgehens wurde mir aber mitgeteilt: „Aufgrund von Personalmangel können wir Ihre Frau im Moment nicht aufnehmen. Eventuell melden Sie sich in einigen Monaten noch einmal bei uns.“ Es hat dann noch ein gutes halbes Jahr gedauert und bedurfte mehrerer Telefonate sowie zunehmend eskalierender schriftlicher Kommunikation, bis ein erneuter Probetermin vereinbart werden konnte, dieser erneut erfolgreich war und meine Frau dort nun einige Tage in der Woche betreut wird. Glücklicherweise hatte ich wenige Wochen vor dem neuen Probetermin herausgefunden, dass die Medikamente meiner Frau in Kombination mit Koffein nicht die gewünschte Wirkung erzielten, obwohl es aus pharmakologischer Sicht keine Bedenken gab und die “Unbedenklichkeit” auf Nachfrage von den behandelnden Ärzten ausdrücklich kommuniziert war. Nach dem Verzicht auf Koffein ist meine Frau viel ruhiger geworden und somit nun auch voll-kompatibel für die Tagespflege.
Was gibt es sonst noch?
Einen häuslichen ambulanten Pflegedienst haben wir bisher nicht in Anspruch genommen, da ich dies Leistungen noch sehr gut noch selbst erledigen kann. Zudem würde die Abhängigkeit von fixen Terminen, die dann auch noch in einem hohen Grad variabel sind, im Tagesablauf eher Herausforderungen bedeuten, als dass sie tatsächlich eine Entlastung wären. Oft ist es so, dass meine Frau eine Pause braucht, bevor Dinge fortgesetzt werden können, und das ist natürlich gerade bei durchgeplanten und optimierten professionellen Pflegediensten schwer zu leisten.
Zusammenfassung
Zusammenfassend komme ich zu dem Ergebnis, dass die Geldleistungen aus der Pflegekasse sehr schnell fließen, auch wenn sie oft nicht das primäre Ziel sind und nicht immer benötigt werden. Es wäre daher sinnvoll zu überprüfen, inwieweit Geldleistungen tatsächlich erforderlich sind für die Lebenssituation der zu Pflegenden.
Mein Eindruck ist, dass es heute zu viele Beratungsangebote und Fachberatungen gibt, die aber inhaltlich wirkungslos sind, da ihnen die praktischen Erfahrungen bezüglich einer Umsetzung fehlen. Es ist schön und nett, nicht selbst Informationen heraussuchen zu müssen, auf welche Leistungen theoretisch ein Anspruch besteht, aber wenig hilfreich, wenn danach ein mühsamer Ansatz gesucht werden muss bei vielen einzeln isoliert arbeitenden Einrichtungen. Entweder wird das Angebot an Beratungsleistungen deutlich an den Bedarf optimiert im Sinne von: „Hier ist eine Liste von Einrichtungen A, B, C, bei denen du Hilfe bekommen kannst" und im Zweifelsfall wird auch aktiv mit nachgefragt, oder man kann diese Beratungsleistungen deutlich reduzieren.
Die vielfältigen Angebote bei einem Pflegegrad sind oft nicht zugänglich, da die Einrichtungen sehr isoliert arbeiten. Es bedeutet viel Aufwand, überhaupt an die richtigen Stellen zu kommen, und die Angebote sind nicht unbedingt zielführend.
Bei allen Angeboten in Einrichtungen bin ich der Meinung, dass hier eine zentralisierte Platzvergabe erfolgen müsste, um einen einfacheren Zugang zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass kein Cherry Picking erfolgt. Auch wäre es anhand dieser zentralen Erfassung möglich, festzustellen, welche Betreuungsangebote jeweils fehlen, um auf der Angebotsseite nachsteuern zu können. Vermutlich würde eine zentrale digitale Plattform bereits ausreichen, und in den Fällen, in denen den Menschen der Zugang zu einer solchen digitalen Plattform nicht möglich ist, entsprechende Hilfestellungen bei der Bedienung.
Bei den Pflegeeinrichtungen und den damit verbundenen Kurzzeitpflegeplätzen ist mein Eindruck, dass in zwei Kategorien zu unterscheiden ist:
- Personen, die bettlägerig sind und eher in einem krankenhausähnlichen Zustand betreut werden.
- Bewohnerinnen und Bewohner, die noch selbstständig sind, aber an einzelnen Punkten Unterstützung benötigen.
Der ursprüngliche Ansatz eines Pflegeheims war sicherlich eher an Kategorie 1 ausgerichtet. Kategorie 2 wurde nun in diesen Ansatz integriert, bedeutet aber auch massiven Aufwand und damit verbunden gewaltige Kosten. Das ginge vermutlich auch kostengünstiger und weniger reguliert.
Ausblick
Oft wäre der Zugang zu einer (kleinen) barrierefreien Wohnung in Kombination mit modularen Unterstützungsangeboten (z.B. Reinigungsdienste, Essensangeboten) ausreichend. Langfristig wäre es hilfreich, wenn wir zentral gelegenere, altersgerechte Wohneinrichtungen hätten, die optional bestimmte Leistungen anbieten, wie Reinigung, Mahlzeiten und Freizeitangebote, aber nicht das hohe Maß an Betreuung einer geschlossenen Einrichtung benötigen. Auch könnten damit die ambulanten Pflegedienste entlastet werden, bei denen heute ein großer Teil der Arbeitszeit für die Anfahrt zur Pflegestelle aufgewendet werden muss. Nur im Bedarfsfall wäre dann der Wechsel zu einer stärker einrichtungsorientierten, hochstrukturierten Pflege erforderlich.